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Benjamin Dillmann 1

Future Readiness Bewegtbild

Wie die Branche den Wandel meistert – mit Menschlichkeit, Resilienz und neuen Technologien

Die Film- und Bewegtbildbranche befindet sich in einer tiefgreifenden Transformation. Wirtschaftlicher Druck, strukturelle Veränderungen und der rasante Einzug von Künstlicher Intelligenz (KI) wirbeln eingespielte Prozesse durcheinander. Doch wie sieht die „Future Readiness“ der Branche konkret aus? Beim Online-Format „Future Readiness Bewegtbild“ am 17. Juli diskutierten Expert:innen über die aktuellen Herausforderungen, die entscheidenden Future Skills und vielversprechende technologische Trends.

Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Zukunftsfähigkeit ist weit mehr als Technologie. Es geht vor allem darum, die Menschen im System zu stärken, neue Arbeitsweisen zu etablieren und flexibel zu bleiben.

Zoom

Die aktuellen Zahlen und Stimmen zeichnen ein herausforderndes Bild der deutschen Filmlandschaft. Annabell Simon (Crew United) verdeutlichte die angespannte Lage: Es gibt rund 66 % weniger Miniserien im Vergleich zum Höchststand 2022. Die Zurückhaltung bei Produktionsfirmen ist groß – getrieben durch Inflation, Haushaltskürzungen und politische Unsicherheiten wie die Ausgestaltung des MedienInvestVG.

Das führt zu zwei scheinbar widersprüchlichen Kernproblemen:

  • Prekäre Arbeitssituation: Mehr als die Hälfte der Crew United Member hinter der Kamera und rund 80 % der Schauspieler:innen hatten in diesem Jahr noch kein einziges Projekt in ihrer Filmografie. Besonders die Altersgruppe der 35- bis 45-Jährigen verlässt die Branche leise – ein massiver Verlust an Substanz und Fachwissen.
  • Drohender Fachkräftemangel: Obwohl aktuell viele Filmschaffende ohne Beschäftigung sind, bahnt sich durch den demografischen Wandel ein akuter Mangel an, sobald die ältere Generation in Rente geht. Schon jetzt fehlt es in Bereichen wie der Filmgeschäftsführung oder Requisite an Nachwuchs, auch weil der Einstieg in die Branche abseits der klassischen Hochschulen oft intransparent und schwer zugänglich ist.

Zukunftstipp aus der Runde: Um den Einstieg zu erleichtern und Talente zu binden, helfen Initiativen wie das hybride Studienangebot Produktionsmanagement Film und TV (Hochschule Ansbach) oder Plattformen wie NewMotion, die moderne Berufsbilder im Filmbereich greifbar machen.

Die qualifizierten Fachkräfte verlassen die Branche stetig aber leise - alle, die Fachwissen weitergegeben könnten, wandern ab. [...] Das Ergebnis ist ein Verlust an Substanz in der Branche.

Annabell Simon Crew United

Im Expert:innen-Panel wurde deutlich: Um den „Contentschock“ (junge Menschen verbringen laut einer Studie fünf Tage im Jahr nur mit der Auswahl von Inhalten) zu bewältigen und in herausfordernden Zeiten erfolgreich zu gründen, braucht es neue Kompetenzen.

Human Skills & Kollaboration

  • Gelebte Schnittstellen: Spezialisierung bleibt wichtig, aber das Verständnis für andere Gewerke und ein früherer Austausch werden essenziell.
  • Umgekehrtes Mentoring: Mentoring ist keine Einbahnstraße. Beim Reverse Mentoring lernen erfahrene Branchenprofis von den digitalen und technologischen Skills der Jüngeren.
  • Frühe Investition in die Jugend: Gerade bei Projekten für junge Zielgruppen müssen junge Menschen und Firmen von Anfang an ins Team geholt werden. Das erfordert anfangs Mut und Budget, spart aber langfristig Kosten.

KI im Teamgefüge

  • Wissen teilen statt Silos bauen: Philipp Münich (Seven.One Entertainment Group) berichtete vom Erfolg eines AI Ambassador Circles: Monatliche Treffen von Gesandten aus verschiedenen Teams helfen, Use Cases schnell zu teilen und voneinander zu lernen. Die Devise lautet: KI als Werkzeug nutzen, aber nicht „auf Teufel komm raus“.

Ich glaube, dass vor allem die Human Skills entscheidend werden.

Philipp Münich ProSiebenSat1 Media SE

Weitere Schlüsselkompetenzen:


Immersive Technologien: 
Kathrin Brunner (mYndstorm Productions) betonte: „Innovation ist nicht nur KI.“ Der immersive Bereich wächst stark und schafft – im Gegensatz zu KI-Optimierungen im Overhead-Bereich – neue, zukunftsträchtige Positionen.

Werte- und Diversifizierungskompetenz: 
Nach der ersten großen Welle generischer KI-Inhalte („Slop“) steigt der Blick für Authentizität. Wertekompetenz wird zum echten Qualitätsmerkmal für europäische Produktionen.

Prozesse infrage stellen: 
Starr-hierarchische Strukturen müssen aufgebrochen werden, um agil zu bleiben.

Man muss investieren, aber es lohnt sich. Wenn wir zu viel in KI investieren und uns darauf fokussieren, brauchen wir viele Positionen (z. B. im Overhead) nicht mehr. Mit immersiven Projekten ist das anders, es ist der einzige Bereich in der Branche, der wächst.

Kathrin Brunner mYndstorm Produczions

Wie beeinflusst die technologische Beschleunigung unser Nervensystem? Heike Dzaack-Crostewitz (DramaCare) plädierte dafür, mentale Gesundheit nicht als Empfindlichkeit, sondern als echten Produktionsstandard zu betrachten.

KI verändert gleichzeitig Tempo, Optionen, Erwartungen und Rollen. Das erhöht die kognitive Last (Prüfen, Vergleichen, Verantworten) und triggert durch Kontrollverlust oft unbewusste Schutzreaktionen wie das „Überfunktionieren“ oder den Rückzug. Zudem zeigt das Kreativitäts-Paradoxon, dass generative KI zwar die Bewertung von Kreativität leicht positiv beeinflussen kann, die eigentliche Ideenvielfalt jedoch schmälert.

Der Drei-Schritt für akute KI-Unruhe am Set und im Büro:

  1. Pause: 10 Sekunden unterbrechen, ausatmen, den Blick lösen, sich im Raum orientieren.
  2. Prüfen: Was ist meine kreative Absicht? Wo entscheide und gestalte ich selbst?
  3. Priorisieren: Welche Idee verfolge ich weiter? Welche Variante lasse ich los?

Tempo ist nicht gleich Qualität. KI kann Prozesse beschleunigen, aber kreative Bewertung, Einordnung und Verantwortung bleiben menschliche Aufgaben.

Heike Dzaack-Crostewitz DramaCare

Goldene Regel für den Workflow: Erst kommt der Mensch, dann die KI. Immer zuerst selbst brainstormen, damit die KI nicht die eigene Kreativität einrahmt. Stabilität entsteht durch klare Rahmenbedingungen im Team und psychologische Sicherheit.

Technologische Game Changer

Gaussian Splatting

Zwei konkrete technologische Entwicklungen zeigen, wohin die Reise in der Praxis geht:

Gaussian Splatting: Der digitale Zwilling der Realität

Pauline Leininger (HFF München) stellte das innovative Verfahren aus der Computergrafik vor. Aus einfachen Fotos oder Videos werden extrem realistische, dreidimensionale Modelle („digitale Zwillinge“) erzeugt.

  • Der Nutzen: Im Gegensatz zu 360-Grad-Videos kann man sich im Raum komplett frei navigieren. In der Vorproduktion lassen sich Kameraperspektiven testen und Sets virtuell ausmessen. In der Postproduktion ermöglicht es auf der LED-Wall eine perfekte, dauerhafte „Golden Hour“. Ein Gewinn für die Effizienz und das nachhaltige Location Scouting – und das bei überschaubaren technologischen Einstiegskosten.

Gaussian Splatting ermöglicht wetterunabhängiges Drehen, vereinfacht Location Scouting und macht unzugängliche Orte drehbar.

Pauline Leininger HFF München

Vertical Drama: Snackable Content im Hochformat

Markus Vogelbacher (Ensider.net GmbH) gab Einblicke in den weltweiten Boom von Vertical Drama (z. B. Plattformen wie ReelShort). Das Format unterscheidet sich von TikTok-Reels durch seriell erzählte, hochgradig verdichtete Geschichten (60–100 Folgen à 1 Minute), maßgeschneidert fürs Smartphone und den Konsum in kurzen Pausen oder im ÖPNV.

  • Speziell für Kreative, die in diesem Bereich durchstarten wollen, bietet der Talente Vertical Sommer-Blitzkurs (ein Online-Training im August via toptalente.org) die Möglichkeit, eigene Ideen in vertical-taugliche Serienkonzepte zu verwandeln.

Kunstform Hochkant: Der Zuschauer ist nur eine Armlänge entfernt. Emotionen wirken verstärkt. Nähe schafft Vertrautheit und Vertrauen.

Markus Vogelbacher Ensider.net GmbH

Strukturelle Krise vs. Fachkräftemangel

Die Branche leidet aktuell unter einem massiven Projekt- und Auftragsrückgang (z. B. 66 % weniger Miniserien als 2022). Gleichzeitig droht durch den demografischen Wandel und schlechte Arbeitsbedingungen ein schwerer Fachkräftemangel, sobald die ältere Generation in Rente geht.

Mensch vor Technologie

Zukunftsfähigkeit (Future Readiness) definiert sich nicht primär über Tools, sondern über die Fähigkeit, Menschen im System zu halten, flexibel zu bleiben und neue Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Human Skills & Reverse Mentoring werden essenziell

Kollaborationsfähigkeit und der Abbau von Silos stehen im Fokus. Mentoring funktioniert in beide Richtungen (Reverse Mentoring): Erfahrene Profis lernen digitale Skills von den Jüngeren – und umgekehrt.

Ich glaube, die großen Geschichten werden bleiben.

Nina Peters neue deutsche Filmgesellschaft GmbH, ndF

Kreativitäts-Paradoxon bei KI

Generative KI erhöht das Tempo, schmälert laut Studien aber oft die eigentliche Ideenvielfalt. Die goldene Regel lautet daher: Erst selbst kreativ brainstormen, dann die KI als Werkzeug zur Ergänzung und Variantenbildung nutzen.

Mentale Gesundheit als Produktionsstandard

Der rasante KI-Wandel erhöht die kognitive Last (Prüfen, Entscheiden, Absichern). Psychologische Sicherheit im Team und bewusste Mikropausen sind notwendig, um die Qualität nicht dem Tempo zu opfern.

Innovation abseits von KI

Der immersive Bereich wächst stark und bietet echtes Potenzial für neue Arbeitsplätze. Technologien wie Gaussian Splatting (digitale 3D-Zwillinge für Vor- und Postproduktion) revolutionieren das Set-Design und Location Scouting nachhaltig.

Selbstwirksamkeit schützt im Wandel. Menschen bleiben eher handlungsfähig, wenn sie erleben, dass ihr fachliches Urteil, ihre Entscheidungen und ihr kreativer Beitrag weiterhin wirksam sind.

Heike Dzaack-Crostewitz DramaCare

Neue Formate erobern den Markt

Vertical Drama (60–100 Folgen à 1 Minute im Smartphone-Hochformat) boomt weltweit und fordert die Branche heraus, Geschichten radikal verdichtet und community-basiert zu denken.

Holt euch junge Creators an den Tisch, die euch im Thema Marketing und Zielgruppen unterstützen - denn die verstehen diese Plattformen.

Jens Milkowski fforma

Fazit: Men­schlichkeit als Erfol­gs­fak­tor im Wandel

Die Filmbranche durchschreitet eine Phase fundamentaler Neuordnung. Doch der Wandel als solcher ist für das Bewegtbild historisch nichts Neues. Um die Zukunft erfolgreich zu gestalten, kommt es am Ende weniger auf die Tools an, sondern auf die Haltung: Menschlichkeit, offene Kollaboration, der Schutz der eigenen Resilienz und der Mut, Neues auszuprobieren, sind die wahren Treiber für eine zukunftsfähige Filmwelt.

„KI macht Tempo. Menschen und Strukturen geben Richtung.“

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Dr. Kathrin Brunner

Co-Founder, mYndstorm productions

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Heike Dzaack-Crostewitz

Gründerin, DramaCare

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Pauline Leininger

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule für Fernsehen und Film München

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Jens Milkowski

Gründer, fforma

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Philipp Münich

Associate Director New Business & AI Ambassador, ProSiebenSat.1 Media SE

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Nina Peters

Head of Business Development & Communications, neue deutsche Filmgesellschaft mbH

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Annabell Simon

Referentin der Geschäftsführung, Crew United

Das Portrait einer lächelnden Frau mit braunen, lockigen Haaren, die einen blauen Pullover und eine silberne Kette trägt
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Markus Vogelbacher

Geschäftsführer, Ensider.net GmbH

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Insa Wiese

Senior Partner- und Projektmanagerin

Frau mit schulterlangen, braunen, welligen Haaren, die lächelt und einen schwarzen Pullover mit Muster trägt. Hintergrund ist weiß.

Zum Format

About Future Readiness

Unser Online-Format „Future Readiness“ nimmt den künftigen Kompetenzbedarf einzelner Medienbereiche in den Blick. In drei kompakten Stunden kommen Expert:innen und Teilnehmende zu Wort, um einen echten Austausch auf Augenhöhe in einem sicheren Rahmen zu ermöglichen. 
Schau gerne in die vergangenen Events, um einen Einblick in unsere Learnings zu erhalten.

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