Simon Uhl
KI-Manager, Deutsche Welle
Simone Engelhardt
Co-Gründerin shape of new
Lea Thies
Leitung Günter Holland Journalistenschule
Andrea Yildiz
Markenstrategin, stern+berg
Patricia Corniciuc
Journalistin
Bernd Oswald
Projektmanager AI for Media Network
Darum ging es
Zentrale Inhalte
Gemeinsam mit Expert:innen werfen wir einen Blick in die Zukunft des Journalismus:
- Welche Technologien prägen die Arbeit in Redaktionen?
- Welche Skills sind künftig gefragt?
- Wie können Aus- und Weiterbildungsangebote Schritt halten?
Im Fokus standen Trends, Herausforderungen und Chancen. Besonders für den journalistischen Nachwuchs und alle, die ihn begleiten.
Highlights
Wichtigste Learnings
KI und die "Zero-Click"-Realität
Die Google-Suche wandelt sich von einer Suchmaschine zu einer Antwortmaschine. Für Redaktionen bedeutet das einen prognostizierten Traffic-Verlust von bis zu 18 %, da Nutzer:innen ihre Antworten direkt von der KI erhalten, ohne auf Links zu klicken.
- AI Literacy: Journalist:innen müssen KI-Technologien tiefgreifend verstehen und aktiv nutzen, um sie kontrollieren zu können. Es geht darum, durch dieses Verständnis die journalistische Bewertungshoheit zu behalten und KI-Modelle kritisch und fundiert im Redaktionsalltag einzusetzen.
- Journalismus ist Netzwerkpflege: Der Mensch steht immer noch im Vordergrund. Nicht nur in der Arbeit mit KI, sondern vor allem darin, aktive Netzwerke zu pflegen und den Kontakt zum Mensch und zur Story aufrecht zu erhalten.
- Prompting wird zum journalistischen Handwerk: Die Bedienung von KI ist kein technisches Gimmick mehr, sondern eine essenzielle Kernkompetenz im Redaktionsalltag, z.B. für Strukturierung, Übersetzungen und Social-Media-Pakete.
- Journalismus muss für KI lesbar sein: Wer seine Inhalte vor KI versteckt (z.B. durch robots.txt), überlässt das Feld den Bad Actors und Falschmeldungen. SEO, maschinenlesbare Metadaten und klare Strukturierung sind Pflicht, um als verlässliche Quelle in KI-Antworten stattzufinden.
- Wahrheitsfindung als USP: KI halluziniert und reproduziert Falschinformationen, die Fehlerrate bei Chatbots steigt. Die Hoheit der Bewertung, das echte Telefonieren, das Überprüfen von Quellen und das Einordnen von Fakten bleiben die unersetzbare Domäne der Journalist:innen.
Inspiration
Best Practices aus der Branche
Hier sind die spannendsten Ansätze für die Praxis:
- PULS Talente Programm (BR): Eine Ausbildung, die sich gezielt an Nicht-Akademiker:innen richtet, um die soziokulturelle Diversität zu stärken. Der wichtigste Hack für Jeden, der das Konzept ausprobieren will: Mit der Personalabteilung kritisch hinterfragen, welche Anforderungen bei Bewerbungen echte "Must-haves" sind und was man stattdessen on the job beibringen kann. Das ist auch wirtschaftlich relevant, um neue Zielgruppen zu erschließen und Shitstorms durch diversere Blickwinkel zu vermeiden.
- Azubi-Tausch (ERF Medien e.V.): Um Ausbildungsabbrüchen entgegenzuwirken, werden Auszubildende für vier Wochen mit branchenfremden Betrieben (z. B. einer Marketing-Agentur) getauscht. Beide Azubis arbeiten dabei im selben Betrieb. Dieser Blick über den Tellerrand fördert das Networking und bringt frische Ideen und externe Arbeitsweisen direkt in die eigene Redaktion zurück.
- Redaktions-Patenkind (VNP / GHJS): Statt klassischer Blockpraktika (die oft zu kurz sind) werden Schüler:innen aus Arbeiterfamilien oder mit Migrationshintergrund langfristig an eine Redaktion angedockt. Sie kommen immer dann, wenn sie schulfrei oder Freistunden haben. Das baut Hürden ab, sorgt für authentische Diversität und mindert blinde Flecken in der Berichterstattung.
- Inklusion aktiv mitdenken (Sozialhelden e.V.): Das Online-Magazin "Die neue Norm" rückt gezielt die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen in den Fokus. Die Redaktion lädt andere Medienhäuser ausdrücklich zur Vernetzung ein, um dieses Thema stärker im Mainstream-Journalismus zu verankern.
- Future Skills Training (MLB): Ein 12-monatiges Berufseinstiegsprogramm, das persönliche und soziale Kompetenzen über das reine Handwerk stellt. Trainiert werden unter anderem Ambiguitätstoleranz (das Aushalten von Mehrdeutigkeiten), Resilienz bei Ungewissheit, interdisziplinäres Denken und aktives Selbstmanagement.
Hands-On
Zentrale Learnings
Zentrale Learnings aus dem Webinar Journalismus braucht Persönlichkeiten, keine Lautsprecher: So wirst du zur unverwechselbaren Marke
In einer fragmentierten Medienlandschaft, die von KI-Konkurrenz und Vertrauensverlust geprägt ist, wird die unverwechselbare journalistische Marke zum entscheidenden Orientierungsgeber.
- Relevanz durch Klarheit: Journalistische Relevanz entsteht nicht durch bloße Präsenz oder „Marktschreierei“, sondern durch ein scharfes Profil.
- Die drei Säulen der Marke: Eine starke Marke definiert sich darüber, wie man spricht (Talk), wie man auftritt (Look) und wie man handelt (Act).
- Nutzerbedürfnisse im Fokus: Inhalte müssen gezielte Nutzerbedürfnisse bedienen – vom bloßen „Update“ bis hin zu Einordnung, Inspiration und konkreter Hilfe.
- Haltung als Glaubwürdigkeitsfaktor: Haltung ist nicht mit Meinung gleichzusetzen, sondern bedeutet kompetente Einordnung und Kontextualisierung.
Ableitungen für die Aus- und Weiterbildung
Identitätsarbeit ist keine private Nebenaufgabe, sondern eine professionelle Kernkompetenz und somit eine zentrale Führungs- und Ausbildungsaufgabe.
Strategische Ebene
- Profilentwicklung: Journalist:innen sollten gezielt nach ihren individuellen Stärken und ihrem fachlichen Profil entwickelt werden.
- Identität als Qualitätsmerkmal: Die Fähigkeit zur Selbstpositionierung muss als Teil der journalistischen Professionalität begriffen werden.
Operative Ebene
- Methodik: Integration von Reflexionsformaten und Mentoring, um die eigene Rolle und Außenwirkung zu schärfen.
- Leitplanken setzen: Erstellung klarer Social-Media-Guidelines und transparenter Erwartungen, die Orientierung bieten, ohne die Persönlichkeit zu unterdrücken.
- Positionierungstraining: Vermittlung von Kompetenzen zur Abgrenzung (Themenfelder, Perspektiven, Zielgruppen), um Austauschbarkeit zu vermeiden.
Fazit: Marke entsteht durch Identität statt Lautstärke. Organisationen, die Klarheit und Profilstärke fördern, gewinnen langfristig das Vertrauen ihres Publikums und ihrer Mitarbeitenden. Journalismus ist Beziehungsarbeit!
Hands-On
Praktische Tipps
Handwerk & Storytelling im Videojournalismus
Videos sind das strategische Zugpferd, aber sie funktionieren nach völlig anderen Regeln als geschriebene Texte. Ein Artikel darf niemals einfach "abgefilmt" werden.
- Der Hook entscheidet alles: Auf TikTok haben Videos 0,4 Sekunden Zeit, um zu überzeugen. Der Einstieg darf nicht informieren. Er muss sofort Aufmerksamkeit erregen, ein Versprechen abgeben und die Frage aufwerfen: "Wie geht das aus?".
- Story finden, EINEN Aspekt auswählen: Zentrale Fragen stellen: wen betrifft das? Wem tut das weh, wem hilft das? Was ist daran anders?
- Folgen: Was passiert, wenn das so bleibt?
- Bilder: Was sieht man dazu?
- Nutzer:in-Perspektive: was würden Nutzer:innen hier tun?
- Fokus: Ein Video darf immer nur einen Aspekt einer Story behandeln. Mut zur Lücke ist hier der wichtigste redaktionelle Skill.
- Der Plot: Eine dramaturgische Entwicklung macht das Thema erst zu einer Story und sorgt dafür, dass Nutzer:innen dran bleiben (zentrale Metrik z. B. Auf YouTube).
- Bildsprache schlägt Skript: Videos müssen von den Bildern her gedacht werden. Je stärker und emotionaler die Bilder sind, desto weniger Text wird benötigt. Echte, erlebbare Momente schaffen die nötige Nähe und Glaubwürdigkeit.
- Momente und starke Bilder: Besonders starke Incentives, um Aufmerksamkeit zu erhalten und zu halten. Starke Bilder und Momente können narrative Strukturen ersetzen. Erlebbare Momente stärken Glaubwürdigkeit und erzeugen Nähe.
Video ist kein Kann mehr, es ist ein Muss geworden. Weltweit ist Video die Haupt-Antwort von Publishern/Medienhäusern auf die News-Konkurrenz durch AI: 79% wollen wegen AI mehr oder viel mehr auf Video fokussieren (Reuters Media Trends + Predictions 2026).
What's next
Was die Branche jetzt braucht
Future Skills & Neue Wege in der Ausbildung
Um Innovationen in Medienhäusern umzusetzen, muss sich das Selbstverständnis ändern. Die klassische "Gatekeeper"-Funktion weicht einer moderierenden, einordnenden Rolle.
- Diversität als wirtschaftlicher Faktor: Redaktionen müssen dringend aus der akademischen Blase ausbrechen. Programme wie das "PULS Talente Programm" (Fokus auf Nicht-Akademiker:innen) oder das "Redaktions-Patenkind" verhindern blinde Flecken, erschließen neue Zielgruppen und beugen Shitstorms vor.
- Schnittstellenkompetenz und Anpassungsfähigkeit: Journalist:innen müssen lernen, in Unsicherheiten zu navigieren und Widersprüche auszuhalten. "Lifelong learning" muss von einem Schlagwort zu einer echten, proaktiven Haltung werden.
- Blick über den Tellerrand: Förderung von interdisziplinärem Denken und frische, branchenfremde Impulse direkt für die eigene Redaktion.
- Netzwerke nutzen: Volontär:innen haben "Welpenschutz". Diese Phase sollte intensiv genutzt werden, um auch große Namen der Branche angstfrei zu kontaktieren und ein starkes Netzwerk aufzubauen.
- Neue Jobs und Skills: Verfassen von Texten übernimmt die KI. Überprüfen und Workflows mit verschiedenen KIs, sowie Daten aufbereiten und auslesen werden zu wichtigen Skills. Produktentwicklung und Journalismus rücken näher zusammen.