Die Strategie im Bewerbungsprozess
Der Wettbewerb um Auszubildende hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Sinkende Schulabsolventenzahlen, ein ausgeprägter Fachkräftemangel und veränderte Erwartungen junger Menschen führen dazu, dass Ausbildungsbetriebe heute deutlich früher, strategischer und langfristiger denken müssen. Recruiting in der Ausbildung ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein durchgängiger Prozess, von der ersten Wahrnehmung bis zur erfolgreichen Übernahme und Bindung als Fachkraft.
Ein bewährter Orientierungsrahmen hierfür ist die Candidate Journey im Ausbildungsmarketing, wie sie unter anderem vom Netzwerk Q beschrieben wird. Sie macht sichtbar, an welchen Kontaktpunkten Jugendliche, ihre Eltern und weitere Bezugspersonen mit einem Ausbildungsbetrieb in Berührung kommen und wie stark diese Eindrücke die spätere Entscheidung beeinflussen.
Ausbildungsmarketing beginnt vor der Bewerbung
Zahlreiche Studien zeigen, dass Jugendliche sich nicht erst dann mit einem Ausbildungsbetrieb auseinandersetzen, wenn sie eine konkrete Stelle suchen. Vielmehr entsteht das Bild eines Unternehmens bereits deutlich früher, durch Social Media, Schulkooperationen, Praktika oder Empfehlungen aus dem persönlichen Umfeld. Genau hier setzt die erste Phase der Candidate Journey an: Aufmerksamkeit (Awareness).
In dieser Phase lautet die zentrale Frage: „Werden wir von Jugendlichen und ihren Bezugspersonen überhaupt wahrgenommen und wenn ja, wie?“
Arbeitgebermarke, regionale Sichtbarkeit und Authentizität spielen dabei eine entscheidende Rolle. Laut dem JOBSTARTER-Dossier „Ausbildungsmarketing 4.0“ ist eine frühzeitige, glaubwürdige Ansprache heute ein zentraler Erfolgsfaktor, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.
Von der Betrachtung bis zur Bewerbung: Orientierung schaffen - statt Hürden bauen
Nach der ersten Wahrnehmung folgt die Phase der Betrachtung. Interessierte Jugendliche prüfen, ob ein Betrieb zu ihnen passen könnte. Dabei erwarten sie klare, verständliche und ehrliche Informationen:
- Welche Berufe werden angeboten?
– Wie läuft die Ausbildung konkret ab?
– Wie ist die Arbeitsatmosphäre?
Studien aus dem Umfeld von Ausbildung.de und wirAUSBILDER zeigen, dass Jugendliche insbesondere Transparenz, authentische Einblicke und einfache Sprache schätzen. Hochglanzkommunikation ohne Bezug zum Ausbildungsalltag wirkt hingegen eher abschreckend und zieht Investoren anstatt von Azubis an.
In der anschließenden Phase Interesse entscheidet sich, ob aus einem allgemeinen Eindruck eine konkrete Bewerbungsabsicht wird. Spätestens hier wird deutlich, warum Recruiting im Ausbildungsbereich nicht isoliert betrachtet werden darf: Ein komplizierter oder langsamer Bewerbungsprozess kann selbst hoch motivierte Jugendliche verlieren. Die Candidate Journey-Forschung zeigt, dass einfache Bewerbungswege und schnelle Rückmeldungen einen messbaren Einfluss auf die Abschlussquote haben.
Auswahl und Hire: Recruiting ist Beziehungsgestaltung
Gerade im Auswahlprozess zeigt sich, wie ernst ein Betrieb seine Rolle als Ausbildungsanbieter nimmt. Jugendliche erleben Bewerbungsverfahren häufig zum ersten Mal und bewerten sehr genau, ob sie fair, wertschätzend und transparent behandelt werden.
Ein professionell gestalteter Auswahlprozess ist dabei nicht nur ein Instrument zur Eignungsfeststellung, sondern ein zentrales Element der Arbeitgeberpositionierung. Studien im Rahmen der Candidate Journey zur Candidate Experience belegen, dass negative Erlebnisse im Auswahlprozess langfristig die Arbeitgebermarke schädigen können, auch über die abgelehnten Bewerber:innen hinaus.
Mit der Zusage endet das Recruiting jedoch nicht. In der Phase Hire entscheidet sich, ob aus einer formalen Einstellung auch ein echtes Ankommen wird. Eine klare Kommunikation zwischen Vertragsunterzeichnung und Ausbildungsstart ist essenziell, um Unsicherheiten zu vermeiden.
Preboarding und Onboarding: Der kritische Übergang
Besonders häufig unterschätzt wird die Bedeutung von Preboarding und Onboarding. Aktuelle Studien zeigen, dass viele Abbrüche und spätere Wechselursachen bereits in den ersten Monaten angelegt sind. Die Studie „Erfolgreiches Onboarding 2026“ macht deutlich: Ein fehlendes oder unstrukturiertes Onboarding erhöht das Risiko von Frühfluktuation erheblich.
Für Auszubildende gilt dies in besonderem Maße. Wer sich früh willkommen fühlt, Orientierung erhält und feste Ansprechpersonen hat, entwickelt schneller Zugehörigkeit und Motivation. Onboarding ist somit kein organisatorischer Akt, sondern ein zentrales Bindungsinstrument.
Ausbildung und Übernahme: Warum Bindung Recruiting ist
Die letzte Phase der Candidate Journey – Übernahme – wird häufig nicht mehr dem Recruiting zugeordnet. Zu Unrecht! Denn spätestens hier zeigt sich, ob Ausbildung strategisch als Instrument der Fachkräftesicherung verstanden wird.
Laut Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) liegt die Übernahmequote in Deutschland inzwischen bei rund 79 %. Gleichzeitig verlassen jedoch viele übernommene Auszubildende den Betrieb innerhalb der ersten zwei Jahre wieder. Studien des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) zeigen, dass fehlende Perspektiven, mangelnde Entwicklungsmöglichkeiten und eine unklare Kommunikation zentrale Ursachen sind.
Damit wird deutlich: Die Übernahme ist keine formale Schlussphase, sondern der Übergang in ein neues Recruiting-Ziel – die Bindung einer potenziellen Fachkraft. Wer hier frühzeitig Perspektiven aufzeigt, Entwicklungsgespräche führt und Karrierewege transparent macht, erhöht die Verbleibquote signifikant.
Fazit: Ganzheitlich denken – langfristig handeln
Recruiting in der Ausbildung beginnt mit Aufmerksamkeit und endet nicht mit dem Onboarding. Die Candidate Journey „Ausbildung“ macht sichtbar, dass jeder Kontaktpunkt zählt, von der ersten Wahrnehmung bis zur langfristigen Bindung als Fachkraft. Ausbildungsbetriebe, die diesen Prozess ganzheitlich betrachten und konsequent aus der Perspektive junger Menschen gestalten, sichern sich nicht nur Auszubildende, sondern investieren nachhaltig in ihre eigene Zukunft.
Ein Artikel von
Stefan Volk-Preißler
Meine akademische Grundlage sind der B.A. Betriebswirtschaftslehre mit Fokus auf die Gesundheitsbranche sowie der M.A. Prävention und Gesundheitsmanagement. Als erfahrener HR-Generalist, Weiterbildungs- und Fördermittel-Spezialist mit über zehn Jahren Expertise in der Personalberatung, Organisationsentwicklung und beruflichen Bildung verbinde ich strategisches Denken mit operativer Umsetzungskompetenz. Aktuell bin ich als Projektberater im Projekt Netzwerk Q 4.0 mit den Fokusthemen „Ausbildungsmarketing“ und „KI in der Ausbildung“ beim Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft gGmbH tätig und gestalte aktiv Maßnahmen zur Organisationsentwicklung, Fachkräftesicherung und Weiterentwicklung der dualen Ausbildung. Neben der Entwicklung eigener Workshops u.a. zum Thema: Strategien zur Azubi-Bindung durch Karrierepfade, Talentmanagement und strukturierte Entwicklungsgespräche für Ausbilder. Berate ich Unternehmen und Ausbildungspersonal für eine Verbesserung der Ausbildungsqualität durch eine Analyse der Sozial Media Aktivitäten oder des Bewerbungsprozesses.
Vor meiner Tätigkeit in der bbw gGmbH habe ich verschiedene Bildungs- und Beratungsprojekte konzipiert und umgesetzt, inklusive erfolgreicher Beantragung und Steuerung von Fördermitteln auf europäischer, Bundes- und Landesebene (in unterschiedlichen Bundesländern). Ein Beispiel ist das Projekt „Wanderndes KI-Studio“ in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut. Ein privates Steckenpferd ist das Recruiting, die Migration und langfristige Integration internationaler Talente für den deutschen Arbeitsmarkt.
Website: https://www.netzwerkq.de/
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