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KI-Skills entstehen nicht im Seminarraum: Wie Unternehmen Lernen in den Arbeitsalltag holen

Ein Zertifikat ist schnell gemacht, aber echte KI-Kompetenz entsteht erst am realen Arbeitsplatz. Dr. Fabrizio Palmas zeigt, warum klassische Schulungspläne oft am Alltag vorbeigehen und wie Teams durch kleine Experimente, evidenzbasiertes Management und den Mut zum Ausprobieren nachhaltige Fähigkeiten aufbauen.

Ein Medienunternehmen führt ein neues KI-Werkzeug ein. Die Mitarbeitenden erhalten Zugang und besuchen eine Schulung. Einige Wochen später zeigt der Bericht: Die Weiterbildung ist abgeschlossen, die Einführung war erfolgreich.

Im Alltag sieht es anders aus. Eine Redakteurin lässt sich Überschriften vorschlagen, verwirft aber die meisten Ergebnisse. Ein Ausbilder würde das Werkzeug gerne mit seinen Auszubildenden testen, weiß jedoch nicht, welche Daten er eingeben darf. Ein Kollege spart bei der Recherche Zeit, erzählt es aber niemandem, weil er nicht sicher ist, ob seine Vorgehensweise erwünscht ist.

Solche Situationen kenne ich aus meiner Arbeitspraxis. Sie führen zu Fragen, die viele Unternehmen beschäftigen, sobald aus der Einführung eines Werkzeugs eine neue Art des Arbeitens werden soll: 

  • Wo hilft KI tatsächlich? 
  • Was müssen Menschen lernen, um Ergebnisse beurteilen zu können?
  • Woran erkennen Führungskräfte, ob ihre Investition etwas verändert?

In meiner Beratung zu Führung und künstlicher Intelligenz beschäftigt mich besonders diese letzte Frage. Der menschliche Vorteil im Zeitalter intelligenter Unternehmen entsteht für mich nicht dadurch, dass möglichst viele Menschen möglichst viele Werkzeuge kennen. Er entsteht dort, wo Menschen lernen, gute Fragen zu stellen, Ergebnisse einzuordnen und gemeinsam bessere Entscheidungen zu treffen.

Dafür brauchen Unternehmen mehr als einen Schulungsplan. Sie brauchen eine Lernpraxis.

Wer ein Seminar besucht hat, weiß im besten Fall, welche Möglichkeiten ein KI-System bietet und wo seine Grenzen liegen. Das ist eine wichtige Grundlage. Ob daraus eine Fähigkeit wird, entscheidet sich jedoch später, wenn eine echte Aufgabe auf dem Tisch liegt.

Eine Auszubildende in einer Redaktion kann beispielsweise lernen, mit KI verschiedene Einstiege für einen Beitrag zu entwickeln. Ihre eigentliche Kompetenz zeigt sich aber erst, wenn sie erkennt, welcher Einstieg zum Thema passt, welche Aussage belegt ist und wo die Formulierung mehr verspricht, als die Recherche hergibt.

Ein Mitarbeiter in der Produktion kann sich einen Ablaufplan zusammenstellen lassen. Er muss trotzdem beurteilen, ob die vorgeschlagene Reihenfolge mit den verfügbaren Personen und den tatsächlichen Bedingungen am Drehort vereinbar ist.

Solche Fähigkeiten lassen sich nicht mit einem einzigen Abschlusstest abhaken. Sie wachsen durch Anwendung, Rückmeldung und Wiederholung. Deshalb sollte Weiterbildung nicht erst beginnen, wenn ein vollständiger Lehrplan vorliegt. Sie kann mit einer überschaubaren Aufgabe anfangen, an der ein Team gemeinsam lernt.

Agiles Lernen beginnt mit einem echten Problem

Der Begriff „agil“ wird häufig mit Geschwindigkeit verwechselt. Für mich liegt sein Wert vor allem darin, unter Unsicherheit in kleinen Schritten vorzugehen. Statt ein großes Weiterbildungsprogramm vollständig durchzuplanen und erst Monate später nach seiner Wirkung zu fragen, beginnt ein Team mit einer konkreten Annahme.

Nehmen wir als Beispiel eine Ausbildungsredaktion. Die Ausbilderinnen und Ausbilder stellen fest, dass Auszubildende regelmäßig Schwierigkeiten haben, umfangreiche Presseinformationen zu strukturieren. Eine mögliche Annahme lautet:

Wenn Auszubildende KI nutzen, um erste Strukturvorschläge zu entwickeln, und diese anschließend gemeinsam mit ihrer Ausbilderin überprüfen, können sie besser begründen, welche Informationen für ihren Beitrag relevant sind.

  • Das ist keine Erfolgsmeldung. Es ist eine Annahme, die man prüfen kann.

Für einen begrenzten Zeitraum bearbeitet eine kleine Gruppe dafür geeignete Übungsfälle. Dabei verwendet sie freigegebene oder eigens erstellte Materialien, keine vertraulichen Daten. Die Ausbilderin beurteilt nicht, wie überzeugend die KI klingt. Sie schaut sich an, welche Entscheidungen die Auszubildenden getroffen haben: Haben sie Aussagen anhand der Ausgangstexte überprüft? Konnten sie erklären, warum sie Informationen übernommen oder verworfen haben? Haben sie Fehler erkannt?

Nach der Übung bespricht die Gruppe, was funktioniert hat und was nicht. Vielleicht hilft die KI beim Ordnen der Informationen. Vielleicht verführt sie aber auch dazu, einen plausibel klingenden Vorschlag zu früh zu übernehmen. Beides ist ein Ergebnis, aus dem sich die nächste Übung gestalten lässt.

Für diese Art des Lernens braucht nicht jedes Team ein neues agiles Framework. Es braucht einen klaren Rahmen, Zeit zum Ausprobieren und eine Führungskraft, die das Lernen ernst nimmt.

Dr. Fabrizio Palmas Berater zu Führung und Künstlischer Intelligenz

Bei der Frage, wie sich solche Lernschritte steuern lassen, hilft mir Evidence-Based Management, kurz EBM. Ich bin in diesem Ansatz zertifiziert und nutze seine Perspektive, um über Fortschritt anders nachzudenken: 

  • Was wollen wir erreichen? 
  • Welche Annahme steckt hinter unserer Maßnahme? 
  • Welche Beobachtung würde uns zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind?

Wie EBM Fortschritt messbar macht

EBM verbindet Ziele mit Experimenten und deren Auswertung. Das Framework von Scrum.org unterscheidet dabei vier Perspektiven: den heutigen Wert für Nutzerinnen und Nutzer, bislang nicht erfüllte Bedürfnisse, die Fähigkeit zur Innovation sowie die Zeit, die vergeht, bis eine Verbesserung nutzbar wird und Rückmeldungen vorliegen.

Für die Entwicklung von KI-Kompetenz bedeutet das: Die Zahl der Schulungsteilnehmenden kann zeigen, wie viele Menschen erreicht wurden. Sie sagt aber noch wenig darüber aus, ob sich die Arbeit für Auszubildende, Teams oder Kundinnen und Kunden verbessert hat.

PRAXISBEISPIEL

Die vier Per­spek­tiv­en in der Ausbildungsredaktion

Im Beispiel der Ausbildungsredaktion könnten die vier Perspektiven helfen, gezielter hinzuschauen:

  • Der heutige Wert

    Erhalten Auszubildende hilfreicheres Feedback? Sind die erarbeiteten Beiträge zuverlässig und für die Zielgruppe geeignet? Auch Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern können relevant sein, sofern die Beiträge veröffentlicht werden

  • Noch nicht erfüllte Bedürfnisse

    Wo fällt es Auszubildenden weiterhin schwer, Informationen zu bewerten oder eigene Entscheidungen zu begründen? Welche Unterstützung wünschen sie sich, bekommen sie aber noch nicht?

  • Die Fähigkeit zur Innovation

    Haben Ausbilderinnen und Ausbilder Zeit, neue Übungen zu entwickeln und Erkenntnisse auszutauschen? Gibt es freigegebene Werkzeuge und Materialien? Oder hängt jeder Versuch an einer einzelnen engagierten Person?

  • Die Zeit bis zum Nutzen

    Wie lange dauert es, bis aus einer Idee für eine Übung ein getestetes Lernformat wird, zu dem Auszubildende Rückmeldung geben können?

Nicht jedes Unternehmen braucht für jede Perspektive sofort eine ausgefeilte Kennzahl. Entscheidend ist, dass Führungskräfte nicht nur Aktivitäten zählen, sondern die Wirkung und die Bedingungen des Lernens betrachten.

Dr. Fabrizio Palmas Berater zu Führung und Künstlischer Intelligenz

Dabei sollten sie vorsichtig sein, was sie aus den Zahlen ableiten. Wenn eine Gruppe nach einer Übung schneller arbeitet, kann das an der KI liegen, an besserem Feedback oder schlicht daran, dass die Teilnehmenden schon mehr Erfahrung haben. Ein kleiner Lernversuch liefert Hinweise, keine allgemeingültige Leistungsstudie.

Was wir messen können und was wir nicht verwechseln dürfen

Eine Kennzahl kann ein Gespräch eröffnen. Sie kann es nicht ersetzen.

  • Teilnahme ist nicht gleich Kompetenz

    Eine absolvierte Schulung belegt, dass jemand teilgenommen hat. Ob die Person eine KI-generierte Zusammenfassung auf Fehler prüfen kann, zeigt sich besser an einer praktischen Aufgabe.

  • Nutzung ist nicht gleich Nutzen

    Wenn ein Werkzeug häufig verwendet wird, kann das ein positives Signal sein. Es kann aber auch bedeuten, dass Mitarbeitende viele Versuche brauchen, um ein brauchbares Ergebnis zu erhalten.

  • Geschwindigkeit ist nicht gleich Qualität

    Ein schneller erster Entwurf hilft nur dann, wenn die Prüfung und Überarbeitung nicht mehr Aufwand verursachen, als vorher nötig war. In einer Redaktion kommt hinzu, dass eine falsche Behauptung nicht dadurch weniger problematisch wird, dass sie schnell formuliert wurde.

Ein sorgfältiger Blick auf Forschungsergebnisse zeigt, warum diese Unterscheidung wichtig ist. Eine Untersuchung von Erik Brynjolfsson, Danielle Li und Lindsey Raymond zur Einführung eines KI-Assistenten im Kundensupport wertete in ihrer 2025 veröffentlichten Fassung Daten von 5.172 Beschäftigten aus. Gemessen an der Zahl gelöster Kundenanliegen pro Stunde stieg die Produktivität im Durchschnitt um 15 Prozent. Besonders stark profitierten weniger erfahrene Beschäftigte sowie Beschäftigte mit zuvor niedrigeren Leistungswerten. Bei erfahrenen Beschäftigten und solchen mit hohen Leistungswerten war der Produktivitätseffekt gering. Die Ergebnisse beziehen sich auf ein bestimmtes Werkzeug im Kundensupport eines einzelnen Unternehmens. Sie lassen sich nicht als Versprechen für jede Redaktion oder jedes Unternehmen übernehmen.

Was ich daraus für die Praxis mitnehme: 

Es lohnt sich zu untersuchen, wer bei welcher Aufgabe Unterstützung erhält. Eine durchschnittliche Kennzahl kann verbergen, dass ein Werkzeug für eine Gruppe hilfreich ist und für eine andere kaum einen Unterschied macht.

Dr. Fabrizio Palmas Berater zu Führung und Künstlischer Intelligenz

Bei Gesprächen über KI-Skills landen wir schnell bei der Frage, wie man bessere Prompts schreibt. Das ist nützlich. Es ist aber nur ein Teil der Fähigkeit, mit KI zu arbeiten.

Wer eine gute Frage formulieren will, muss zunächst verstehen, welches Problem gelöst werden soll. Wer eine Antwort prüft, braucht Fachwissen und ein Gefühl dafür, welche Aussage verdächtig sein könnte. Wer ein Ergebnis veröffentlicht, muss Verantwortung übernehmen und die Zielgruppe im Blick behalten.

Gerade in Medienberufen sind diese Fähigkeiten schwer voneinander zu trennen. Eine KI kann eine Formulierung vorschlagen. Ob sie einer betroffenen Person gerecht wird, einen Sachverhalt angemessen einordnet oder eine unbelegte Behauptung transportiert, müssen Menschen beurteilen.

Dafür sollten Auszubildende und erfahrene Mitarbeitende gemeinsam auf Ergebnisse schauen. Die eine Person bringt vielleicht technisches Verständnis mit, die andere erkennt aufgrund ihrer Berufserfahrung, wo ein Text verkürzt oder eine Quelle unzuverlässig ist. Beide Perspektiven werden gebraucht.

Ausbilderinnen und Ausbilder müssen dafür nicht jede neue Anwendung zuerst beherrschen. Sie können eine ebenso wichtige Rolle übernehmen: Sie schaffen einen Rahmen, in dem Fragen erlaubt sind, Fehler in geeigneten Übungen sichtbar werden und Entscheidungen begründet werden müssen.

Das setzt voraus, dass Lernen nicht nur zusätzlich zum Alltag erwartet wird. Wer möchte, dass ein Team neue Fähigkeiten entwickelt, muss dafür Zeit einplanen. Auch Führungskräfte sollten offenlegen, was sie selbst noch nicht wissen. Das macht aus Unsicherheit kein Defizit, sondern einen Ausgangspunkt für gemeinsames Lernen.

So setzt du es um

Ein möglicher Einstieg für die nächsten vier Wochen

Ein Unternehmen muss nicht warten, bis es für jede Rolle ein vollständiges Kompetenzmodell entwickelt hat. Ein überschaubarer Versuch kann zeigen, welche Fragen zuerst bearbeitet werden sollten.

  • Woche 1

    In der ersten Woche wählen eine Führungskraft, eine ausbildende Person und einige Mitarbeitende eine konkrete Aufgabe aus. Sie klären, wem eine Verbesserung helfen soll und welche Daten für einen Test verwendet werden dürfen. Gemeinsam halten sie fest, wie die Aufgabe heute bearbeitet wird und woran sie ein gutes Ergebnis erkennen.

  • Woche 2

    In der zweiten Woche probiert das Team einen freigegebenen KI-Einsatz aus. Wichtig ist, die Aufgabe nicht künstlich zu vereinfachen: Die Beteiligten sollen nicht nur einen Text erzeugen, sondern ihn anhand vorher vereinbarter Kriterien prüfen und überarbeiten.

  • Woche 3

    In der dritten Woche sammeln sie Beobachtungen. Welche Schritte waren hilfreich? Wo entstanden Fehler? Wie aufwendig war die Kontrolle? Können die Beteiligten erklären, wann sie dem Ergebnis nicht gefolgt sind und warum?

  • Woche 4

    In der vierten Woche bespricht das Team die Ergebnisse mit den Menschen, für die die Verbesserung gedacht ist. Danach entscheidet es, ob es den Ansatz beibehält, verändert oder verwirft. Falls der Versuch überzeugt, kann ein weiteres Team ihn unter eigenen Bedingungen erproben. Falls nicht, sollte festgehalten werden, woran es lag..

RAHMENBEDINGUNGEN SCHAFFEN

Lernen als Führungsaufgabe

KI-Kompetenz lässt sich nicht allein an die Personalentwicklung delegieren. Die Personalentwicklung kann Angebote schaffen, Grundlagen vermitteln und Austausch organisieren. Ob das Gelernte im Arbeitsalltag einen Platz bekommt, entscheidet sich jedoch auch im Team.

Führungskräfte legen fest, welche Aufgaben Priorität haben. Sie entscheiden mit darüber, ob Menschen Zeit zum Lernen bekommen und ob ein misslungener Versuch offen besprochen werden darf. Sie müssen außerdem klären, welche Grenzen gelten, etwa beim Umgang mit vertraulichen Informationen oder bei der Veröffentlichung von KI-unterstützten Inhalten.

Für mich beginnt gute KI-Führung deshalb nicht mit der Frage, welches Werkzeug als Nächstes eingeführt wird. Sie beginnt bei einer Aufgabe, die für Menschen wichtig ist, und bei der Bereitschaft, die eigene Annahme über eine Verbesserung überprüfen zu lassen.

Das gilt besonders für die Ausbildung. Junge Menschen brauchen die Gelegenheit, neue Technologien kennenzulernen. Sie brauchen genauso die Möglichkeit, an echten fachlichen Fragen zu üben: Was weiß ich? Was weiß ich noch nicht? Welche Quelle trägt meine Aussage? Wann sollte ich eine erfahrene Kollegin hinzuziehen?

Ein Unternehmen, das solche Fragen zulässt und gemeinsam bearbeitet, entwickelt mehr als technische Fertigkeiten. Es stärkt die Fähigkeit seiner Mitarbeitenden, auch dann verantwortungsvoll zu handeln, wenn sich die Werkzeuge weiter verändern.

Der menschliche Vorteil entsteht dort, wo Menschen ihr Urteil nicht an die Maschine abgeben, sondern es durch Lernen und Zusammenarbeit weiterentwickeln.

Dr. Fabrizio Palmas Berater zu Führung und Künstlischer Intelligenz

Ein Artikel von

Fabrizio Palmas

Berater für Führung und künstlicher Intelligenz

Dr. Fabrizio Palmas berät Unternehmen zu Führung und künstlicher Intelligenz. Er verbindet technologische und wissenschaftliche Perspektiven mit Fragen der Zusammenarbeit, des Lernens und der Verantwortung. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht der menschliche Vorteil im Zeitalter intelligenter Unternehmen.

Mehr über Dr. Fabrizio Palmas: https://www.fabriziopalmas.com/