Erfahrung kann hilfreich und ein Hindernis sein
„Das machen wir hier so.“
„Ich habe das von der Pike auf gelernt.“
„Darin habe ich langjährige Erfahrung.“
Diese Sätze hast du sicher schon gehört – und vielleicht auch selbst schon gesagt. Erfahrung kann tatsächlich wertvoll sein in Bereichen mit wenig Veränderung. Da gibt sie Stabilität, Orientierung und stellt erprobte Praxis und funktionierende Lösungen zur Verfügung. Überall dort aber, wo die Dinge sich ändern, unsicher und neu sind, kann das Festhalten an Erfahrung hinderlich sein – und sogar schädlich für die Organisation. Weil manch alte Lösungen einfach nicht mehr zu neuen Problemen passt.
Führung und Nichtwissen
Wenn du auf die Kultur in deinem Unternehmen blickst: Wie leicht oder schwer fällt es Führungskräften, folgende Sätze zu sagen?
„Das weiß ich nicht.“
„Davon habe wirklich ich gar keine Ahnung.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Das habe ich noch nie gehört.“
Tatsächlich ist in zahlreichen Organisationen die Annahme stark, dass Führungskräfte „es wissen und können“ sollten. Dass Wissen und Fertigkeiten sozusagen magisch und permanent über Chef*innen kommen, einfach deshalb, weil sie ja führen. Das ist ein Irrtum – und gar nicht schlimm. Denn in heutigen Zeiten muss es kein Zeichen von Schwäche sein, die eigenen Lücken im Wissen und Können zu kennen und damit umzugehen – es kann eine Stärke werden. Kein Defizit, sondern eine Chance für Wachstum.
Reverse Mentoring als vielfache Chance
Hier setzt Reverse Mentoring an. Die Idee: Führungskräfte und langjährige Mitarbeiter*innen lernen gezielt von Jüngeren. Und zwar nicht aus Prinzip oder weil es modern klingt, sondern weil handfeste Gründe dafür sprechen. Hier sind die sieben wichtigsten:
1) Digitales Know How: Jüngere Generationen wachsen anders mit digitalen Technologien auf und tragen daher wertvolles Wissen in die Organisation. Davon können ältere Kolleg*innen profitieren.
2) Generationen-Austausch: Oft arbeiten unterschiedliche Generationen eher nebeneinander her, es entstehen Missverständnisse oder gar Konflikte. Beim wechselseitigen Lernen entsteht automatisch Verständnis.
3) Wertschätzung: Alle Menschen fühlen sich ganz besonders wertgeschätzt und wirksam, wenn sie etwas beitragen können. Reverse Mentoring ist ein Weg, auch Jüngeren einen solchen Beitrag zu ermöglichen.
4) Mitarbeiterbindung: Hängt eng mit Punkt 3 zusammen. Wer sich einbringt, verbindet sich. Besonders in Zeiten von Fachkräftemangel, und angesichts von Generationen, denen Purpose und Ausrichtung an einem höheren Ziel wichtiger ist als z.B. Status oder Macht, kann Reverse Mentoring zu nachhaltiger Mitarbeiterbindung beitragen.
5) Employer Branding: Auch die Arbeitgebermarke kann – vor allem bei jüngeren Generationen – durch Reverse Mentoring an Attraktivität gewinnen.
6) Agilität: Reverse Mentoring schafft Strukturen, in denen frisches Wissen und neue Impulse strategisch in die Organisation fließen. Das hält agil und erzeugt Ideenvielfalt.
7) Impact auf Kultur: Wenn der Chef vom Azubi lernt (und umgekehrt), wächst mit der Zeit eine gemeinsame Lernkultur: Wir legen unser Wissen zusammen und tauschen uns aus, dadurch wachsen wir gemeinsam und stärken unsere Organisation!
Damit es gelingt!
4 handfeste Tipps für die Umsetzung
Strukturen
Baue Strukturen, Prozesse und Rahmen für Reverse Mentoring: Was genau sind die Ziele und erwünschten Effekte? Welches Zeitbudget ist angemessen? Welche Meetingstrukturen, begleitende Leitfäden zu Themenfindung, Gesprächsablauf, Vereinbarungen gibt es?
Sinnstiftung in beide Richtungen
Vermittle Führungskräften, dass Lernen von Jüngeren und „Untergebenen“ kein Zeichen von Schwäche oder Defizit ist, sondern von Stärke. Vermittle Jüngeren, dass sie etwas Wertvolles zu geben haben, und dass die Organisation sich das aufrichtig von ihnen wünscht. Vermittle allen den Wert für die Organisation (s. oben).
Vertrauensverhältnisse
Es könnte sinnvoll sein, längerfristige Lern-Paare oder -gruppen (z.B. entlang von Lern-Themen oder Organisationseinheiten) zu bilden, damit Vertrauen und psychologische Sicherheit entstehen und wachsen können.
Eigeninitiative
Beteilige die, die es tun sollen: Welches sind die Lernthemen von Führungskräften und Älteren? Wo fühlen Jüngere sich kompetent und haben Lust, Wissen und Fähigkeiten weiterzugeben? Was davon matcht? Und was sind möglicherweise – auf beiden Seiten – blinde Flecken?
Lust auf mehr?
Reverse Mentoring kann ein Baustein für die Transformation von Medien-Organisationen und Redaktionen sein – es gibt noch zahlreiche andere. Hast du Lust auf Inspiration und Austausch dazu, was Redaktionen zukunftsfest macht? Dann ist RED@work vielleicht etwas für dich. Die Werkstatt für Redaktions-Entwicklung findet vom 20.-22. September in Konstanz am Bodensee statt. Mehr als 30 Speaker*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten Impulse und Deep Dives zu Themen wie Führung, Journalismus, Strategie, Achtsamkeit, New Work, KI, Dialog, Diversität, Resilienz und Lernen. Alle Infos und Tickets gibt’s hier: www.redatwork.de
Ein Artikel von
Sebastian Pantel
Sebastian ist Journalist und Systemischer Coach. Er ist seit 2018 Teil des Editorial-Development-Teams beim SÜDKURIER, und beschäftigt sich in dieser Rolle mit der Weiterentwicklung der Organisation, Führungskräfteentwicklung und der Zukunft des Journalismus. Zusammen mit seinen Kolleginnen Annegret Allgaier und Lena Zieseniß konzipiert er RED@work, eine jährlich stattfindende Werkstatt für Redaktions-Entwicklung. Nebenberuflich arbeitet er als Dozent für Systemisches Coaching und Organisationsentwicklung bei der wispo AG.
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