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Stefan Ton 245

Feedforward statt Feedback: Holistic Assessment

Lernen ist oft mit Prüfungsstress und durchgemachten Nächten des Lernens verbunden. Damit wird dann vielleicht eine gute Note erreicht, aber vieles auch gleich wieder vergessen. Das Holistic Assessment verfolgt einen anderen Ansatz.

Lernen soll Spaß machen und nicht mit Angst verbunden werden. Jeder Mensch lernt gerne etwas Neues, aber zum Lernen gehört auch, Fehler machen zu dürfen und aus diesen Fehlern zu lernen. Das hier vorgestellte ganzheitliche Prüfungsmodell (Holistic Assessment) etabliert eine Fehlerkultur, bei der – ohne Konsequenzen auf die spätere Note – Fehler gemacht werden dürfen. Dazu wird eine Prüfung angelegt, auf die Schritt für Schritt hingearbeitet wird.

Formative Aufgaben und Summative Prüfungen

Zu Beginn eines Semesters wird die finale Abgabe (meist ein Projektergebnis oder ein Portfolio) bekannt gegeben. Diese finale Abgabe wird dann auch benotet werden. Allerdings werden wichtige Elemente dieser Abgabe im Laufe des Semesters als sogenannte „Formative Aufgaben“ (formende Aufgaben) ausgestaltet. Man arbeitet also auf einen Zwischenstand hin und bespricht diesen mit der betreuenden Lehrperson. An dieser Stelle bekommt man Feedback, das noch eingebaut werden kann, bevor die Aufgabe dann am Ende Teil eines Ganzen wird und mit in die Benotung einfließt. Zusätzlich kann man an diesen Stellen bereits Lernziele erreichen und Sicherheit erlangen, das Semester zu bestehen. Aus mehreren solchen formativen Aufgaben entsteht nun Zug um Zug die finale Abgabe.

Feedforward statt Feedback

Das Feedback, das es auf die formativen Aufgaben gibt, ist stets vorwärtsgerichtet und soll die Studierenden fördern (zumindest das Minimum zu erreichen) und fordern (über das Vorhandene hinauszugehen). So kann sich jeder individuell weiterentwickeln. Dabei dürfen auch Fehler gemacht werden, die durch das Feedback korrigiert werden. Eine Benotung findet hier noch nicht statt. Vielmehr ist es ein Gespräch auf Augenhöhe.

Der hier der etwas provokante, und für Informatiker irreführende Begriff „Feedforward“ wird hier wegen der vorwärtsgerichteten Art des Feedbacks verwendet. Ein „Feedback“ in klassischen Prüfungssystemen beinhaltet ja immer nur, was man hätte besser machen können und blickt daher zurück auf etwas, das nicht mehr änderbar ist. Das Feedforward ist hier wesentlich konstruktiver.

Bewertung ohne strenges Raster

Nachdem in mehreren formativen Zwischenbesprechungen das Projekt oder Portfolio immer weitergewachsen ist, wird es am Ende zur Bewertung abgegeben. Die Bewertung erfolgt anhand dreier standardisierter Kriterien: Proficiency (wie gut ist das Ergebnis geworden), Process (wie war die Vorgehensweise) und Person (wie sorgfältig und zur eigenen Person passend war die Erstellung). Innerhalb dieser Kriterien ist viel Spielraum möglich, und so können Ergebnisse auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden, ohne dass sich das auf die Benotung auswirkt. Ein Arbeiten „so wie der Lehrer das will“, ist also nicht erforderlich. Die Benotung wird begründet – ein Feedback ist nicht mehr erforderlich.

Fazit

Holistic Assessment erfordert ein Umgestalten von Aufgaben – in erster Linie das Erstellen und Betreuen der formativen Zwischenstände. Es bietet dann aber größere Lernerfolge und ein konstantes Auseinandersetzen mit den Aufgaben, da nicht alles auf den letzten Drücker passiert. Die ganzheitlichen Bewertungskriterien erlauben neue, kreative Ansätze und bestrafen diese nicht. Gerade in der Medienausbildung ist das oft der Freiraum, der Innovationen hervorbringt.

Ein Artikel von

Andreas Friesecke

Akademischer Leiter, SAE Institute DACH

Andreas Friesecke hat 1993 das SAE Diploma in „Audio Engineering“ abgeschlossen und im Laufe der Jahre den Bachelor, Master- und Doktortitel erworben.
2007 erschienen seine Bücher „Die Audio Enzyklopädie“ und „Studio Akustik“.