Zum Inhalt springen
SNP01240 jpg Geteiltes Bild Hochformat

Wenn die Boomer gehen: Wie Unternehmen ihr Erfahrungswissen bewahren

Wenn die Boomer-Generation in Rente geht, droht Unternehmen das größte Wissensleck der Wirtschaftsgeschichte. Ungeschriebene Berufserfahrungen und implizites Know-how lassen sich jedoch nicht durch starre Dokumente sichern. Dieser Artikel zeigt, warum klassische Wikis scheitern – und wie kluge Befragungen sowie KI-gestützte Werkzeuge wertvolles Alltagswissen bewahren, bevor es für immer verschwindet.

In einem Münchner Medienhaus arbeitet eine Frau, nennen wir sie Ines. Ines ist 63 und macht seit 1991 Chefin vom Dienst. Sie hört einer Livesendung an, wann sie kippt, ungefähr zwanzig Sekunden bevor es alle anderen merken. Sie hat einmal eine Sendung gerettet, weil sie beim Blick auf den Rückkanal spürte, dass die Schalte nicht kommt, und in vierzig Sekunden eine neue Reihenfolge in den Ablaufplan geschoben hat. Die Zuschauer haben nichts bemerkt. In keinem Sendehandbuch steht, wie das geht. In Ines' Kopf steht es seit dreiunddreißig Jahren.

Ines weiß außerdem, welcher Pressesprecher am Sonntagabend noch abhebt. Welches Archivmaterial falsch verschlagwortet ist und deshalb seit Jahren niemand findet. Welche Formulierung 2016 einmal eine Gegendarstellung ausgelöst hat und warum die Rechtsabteilung seitdem zweimal hinschaut.

In achtzehn Monaten geht sie in Rente. Ihre Nachfolgerin ist längst da. Sie ist 29, denkt in Plattformen statt in Sendeplätzen, schneidet vertikal, versteht Communities besser als Ines es je tun wird, und wird an dem Tag, an dem Ines das Haus zum letzten Mal verlässt, einen Bruchteil dessen wissen, was Ines weiß.

Das ist keine Mediengeschichte. In den Medien ist sie nur besonders gut zu sehen, weil dort die Nachwuchsdebatte seit Jahren laut geführt wird und die Übergabedebatte fast gar nicht. Wir reden viel darüber, wie wir junge Menschen in die Branche holen. Wir reden erstaunlich wenig darüber, was sie vorfinden, wenn sie da sind, und wer ihnen eigentlich noch beibringen soll, was in keinem Lehrplan steht.

Herausforderung

Warum eine Doku­men­ta­tion das Problem nicht löst

Die übliche Reaktion ist ein Projekt. Jemand richtet ein Wiki ein, verschickt eine Vorlage, setzt eine Deadline und nennt das Ganze Wissenstransfer. Sechs Monate später hat man 400 Seiten, die niemand liest. Dafür gibt es drei Gründe, und alle drei sind menschlich völlig nachvollziehbar.

  • Das Wichtigste lässt sich nicht auf Kommando aufschreiben

    Der Philosoph Michael Polanyi hat es so formuliert: Wir wissen mehr, als wir zu sagen wissen. Ines kann Ihnen nicht diktieren, woran sie hört, dass eine Sendung kippt. Sie kann es Ihnen zeigen. Sie kann es Ihnen erzählen, wenn Sie sie nach der richtigen Situation fragen. Aber vor einem leeren Textfeld sitzt sie wie jeder andere und schreibt am Ende: Ablauf im Blick behalten.

  • Niemand sucht in Dokumentation, weil Fragen billiger ist

    Solange der Kollege drei Türen weiter in vierzig Sekunden antwortet, gewinnt der Kollege gegen jede Suchmaske. Wissensdatenbanken sterben nicht an fehlendem Inhalt, sie sterben daran, dass niemand darin findet, was er in diesem Moment tatsächlich braucht. Und je größer sie werden, desto schlechter werden sie, was ungefähr das Gegenteil von dem ist, was man sich wünscht.

  • Dokumentation entsteht am Ende, wenn keiner mehr Zeit hat

    Die letzten drei Monate vor dem Ruhestand sind gefüllt mit Übergaben, Resturlaub und Terminen. Genau dann soll jemand rückblickend dreißig Jahre Berufserfahrung strukturieren. Das ist so realistisch wie ein Umzug am Tag der Schlüsselübergabe.

Wenn ich das Thema mit Führungskräften bespreche, kommt oft der Einwand: Bei uns ist das anders. Ist es fast nie.

Dr. Fabrizio Palmas XIBIX Solutions GmbH

  • In der Redaktion

    ...ist es die Reporterin, die seit zwanzig Jahren dieselbe Region betreut. Ihr Wert ist nicht ihr Archiv. Ihr Wert sind vierzig Menschen, die bei ihr abheben, auch sonntags, weil sie 2011 fair über sie berichtet hat. Wenn sie geht, bleibt eine Kontaktliste zurück, aus der der Nachfolger drei Jahre lang wieder Vertrauen bauen muss.

  • In der Filmproduktion

    ...ist es die Aufnahmeleiterin, die weiß, welche Stadt Drehgenehmigungen innerhalb von zwei Wochen erteilt und welche sechs Wochen braucht. Welcher Motivgeber beim zweiten Drehtag nervös wird. Welcher Oberbeleuchter mit welchem Kameramann funktioniert und welche Kombination die Produktion einen halben Drehtag kostet. Das steht in keiner Kalkulation. Es steht in einem Kopf, und dieser Kopf wird gerade 64.

  • In der Chemie und im Anlagenbau

    ...ist es der Schichtführer, der einer Pumpe anhört, dass sie ein halbes Grad zu warm läuft, bevor der Sensor Alarm schlägt. Der einmal eine ganze Charge gerettet hat, weil ihm auffiel, dass die Anlage bei schwülem Wetter anders anspringt. Und seine Kollegin, die weiß, warum bei der Auditvorbereitung eine Kennzahl anders berechnet wird als in der Norm beschrieben, weil es dazu 2009 eine Abstimmung mit der Behörde gab.

  • In der Versicherung

    ...ist es der Sachbearbeiter, der bei einem Schadensfall in vier Sekunden erkennt, dass hier etwas nicht stimmt. Fragen Sie ihn nach den Kriterien und er sagt: Gefühl. Es ist kein Gefühl. Es sind zweiundzwanzig Jahre Mustererkennung, die er nur nie in Sprache übersetzen musste.

Das Muster ist immer dasselbe. Das dokumentierte Wissen ist die Spitze. Das entscheidende Wissen liegt darunter, ist an Situationen gebunden und wird nur dann sichtbar, wenn jemand die richtige Frage stellt.

 

Impulse

Was tatsächlich funktioniert

Die gute Nachricht zuerst: Das Problem ist lösbar! Aber nicht mit einem Dokumentationsprojekt, sondern mit einer Änderung der Reihenfolge.

  • Fragen statt schreiben lassen

    Menschen sind schlecht darin, Wissen zu exportieren, und großartig darin, auf Fragen zu antworten. Ein einstündiges Gespräch mit guten Fragen bringt mehr als zwanzig Seiten Selbstdokumentation. Das gilt für Interviews mit Kolleginnen genauso wie für Systeme, die richtig gebaut sind.

  • Nicht am Ende anfangen, sondern jetzt

    Wissenssicherung gehört nicht in die Abschiedsphase, sondern in den Alltag. Jede gelöste Störung, jede knifflige Entscheidung, jeder Fall, bei dem jemand sagt "das ist eine Ausnahme", ist ein Moment, in dem Wissen fast kostenlos einsammelbar ist. Danach wird es teuer.

  • Das Finden wichtiger nehmen als das Ablegen

    Der Engpass ist nie die Menge. Der Engpass ist der Moment, in dem jemand um 16 Uhr eine Antwort braucht und nach neunzig Sekunden aufgibt. Wenn die Antwort nicht in derselben Zeit kommt, in der ein Kollege sie geben würde, verliert das System. Immer.

  • Vertrauen schaffen, sonst kommt nichts

    Viele erfahrene Mitarbeitende haben eine berechtigte Sorge: Wenn ich alles weitergebe, wozu braucht ihr mich dann noch? Diese Frage muss beantwortet werden, bevor irgendein Werkzeug eingeführt wird. Wer Wissenssicherung als Effizienzprogramm verkauft, bekommt Widerstand. Wer sie als Anerkennung von Lebenswerk gestaltet, bekommt Türen geöffnet, von denen er nicht wusste, dass es sie gibt.

  • Herkunft mitliefern

    Eine Antwort ohne Quelle ist im Unternehmenskontext wertlos, manchmal gefährlich. Wer entscheidet, muss wissen, woher die Information stammt, wie alt sie ist und wer sie verantwortet.

Bei XIBIX Solutions haben wir irgendwann aufgehört, über das Thema zu reden, und uns zu einem internen Hackathon zusammengesetzt. Der Ausgangspunkt war unser eigener Schmerz: Wissen verteilt über Confluence, Chatverläufe, Postfächer, Projektordner und die Köpfe von Menschen, die gerade in einem anderen Projekt stecken.

Wir haben mit agentischem Coding gearbeitet, also die KI nicht als Autovervollständigung genutzt, sondern als Mitentwicklerin, die ganze Arbeitsschritte selbstständig übernimmt. Was früher eine Sprintplanung gewesen wäre, war ein Prototyp in Stunden. Das ist an sich schon eine Geschichte über Wissen: Erfahrung wird nicht wertloser, wenn Werkzeuge schneller werden. Sie wird wertvoller, weil die Frage, was man baut, plötzlich schwerer wiegt als die Frage, wie schnell man es baut.

Aus dem Prototyp wurde eine Lösung, die wir intern nicht mehr abschalten wollten, und daraus wurde Mindhub. Die Idee dahinter ist unspektakulär und genau deshalb wirksam: Verstreutes Unternehmenswissen wird an einer Stelle zusammengeführt, aus bestehenden Quellen und aus dem, was Menschen im Gespräch beitragen. Gesucht wird nicht in Ordnerstrukturen, sondern in natürlicher Sprache, so wie man einen erfahrenen Kollegen fragen würde. Und jede Antwort kommt mit Herkunft, damit nachvollziehbar bleibt, worauf sie beruht.

Nichts davon ersetzt Ines. Aber es verändert, was passiert, wenn Ines geht. Statt eines Lochs bleibt ein Gesprächspartner, der ihre Erfahrung kennt und der Nachfolgerin nicht drei Jahre, sondern drei Monate abnimmt.

Sie brauchen dafür kein Budget und keine Freigabe.

  • Machen Sie eine Liste der Menschen in Ihrem Bereich, die in den nächsten fünf Jahren gehen. Nicht anonym, mit Namen. Markieren Sie diejenigen, bei denen Ihnen beim Gedanken an ihren letzten Arbeitstag flau wird. Das sind meistens weniger als zehn Personen, und sie sind der eigentliche Fall.
  • Setzen Sie sich mit einer dieser Personen für eine Stunde zusammen und stellen Sie eine einzige Frage: Was ist in den letzten zwölf Monaten schiefgegangen, und wie haben Sie es gelöst? Nehmen Sie das Gespräch auf, wenn alle einverstanden sind. Sie werden überrascht sein, wie viel in sechzig Minuten sichtbar wird, das in keinem System steht.
  • Und dann klären Sie die unangenehme Frage: Wo würde diese Aufnahme landen, damit sie in zwei Jahren jemand tatsächlich findet? Wenn Sie darauf keine gute Antwort haben, haben Sie kein Dokumentationsproblem. Sie haben ein Infrastrukturproblem, und das ist die bessere Nachricht, weil es lösbar ist.

Zurück zu Ines

Ines wird in achtzehn Monaten gehen. Es wird eine Rede geben, Sekt in Plastikbechern in der Kantine, jemand wird sagen, dass sie nicht zu ersetzen ist. Das stimmt sogar.

Die Frage ist nur, ob das Haus sie deshalb verliert oder nur ihre Anwesenheit. Zwischen diesen beiden Sätzen liegen ein paar strukturierte Gespräche, eine Entscheidung über Werkzeuge und ungefähr achtzehn Monate Zeit, die gerade laufen.

Ich glaube, wir stehen an einem seltenen Punkt, an dem eine demografische Unvermeidbarkeit auf eine technologische Möglichkeit trifft. Die Generation, die geht, hat mehr Erfahrung angesammelt als jede vor ihr. Und zum ersten Mal haben wir Werkzeuge, die zuhören können, statt nur abzuspeichern. Diese beiden Dinge fallen gerade zeitlich zusammen. Das ist Glück. Man sollte es nutzen, solange Ines noch da ist.

Ein Artikel von

Fabrizio Palmas

Head of Sales & Innovations, XIBIX Solutions GmbH

Dr. Fabrizio Palmas arbeitet an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz, Extended Reality und Cloud. Mehr unter https://www.fabriziopalmas.com . Mindhub ist eine Lösung von XIBIX Solutions GmbH.