Der Blick auf den Lebenslauf gilt als rational und vergleichbar und ist deshalb in den meisten Personalabteilungen das erste wichtige Entscheidungskriterium, wenn es um Neueinstellungen geht. Doch es gibt gute Gründe dafür, es anders zu machen und noch bessere Beispiele dafür, wie das gelingen kann.
Die große Frage ist immer: Wie findet man die richtigen Leute für einen bestimmten Job? Und woran merkt man das? Alternative Recruitingmethoden nutzen andere Kanäle und achten auf Dinge wie Motivation oder Fähigkeiten, statt auf klassische Ausbildungs- und Berufsstationen. Wie das erfolgreich gelingen kann, zeigen die Beispiele weiter unten.
Warum sich Recruiting anders denken lohnt, zeigt ein Blick auf den Journalismus: Für eine Ausbildung im Journalismus galt lange das Studium als Eintrittskarte, das ist aber nicht mehr unbedingt so. Viele Medienhäuser und Institutionen wie etwa die Deutsche Journalistenschule, haben diese Zugangsbeschränkung abgeschafft. Das ist auch gut so: Eine breitere soziale Aufstellung kann für mehr Repräsentation unterschiedlicher Perspektiven sorgen. Eine Civey-Umfrage im Auftrag der Plattform Readly aus dem Sommer 2025 zeigt, dass sich von zehn Befragten in der Berichterstattung deutscher Medien nicht oder kaum wiederfinden. Nur etwa jede:r Zehnte erkennt die eigene Lebensrealität tatsächlich darin wieder. Wer also in Redaktionen weiterhin nur über die immer gleichen Kanäle, mit den immer gleichen Anforderungsprofilen rekrutiert, reproduziert genau jene Engführung, die für die wachsende Distanz zwischen Medien und Publikum mitverantwortlich gemacht wird.
Dass vielfältigere Teams nicht nur ein Gerechtigkeitsthema, sondern auch ein handfester wirtschaftlicher Faktor sind, legen wiederholte McKinsey-Analysen nahe: Unternehmen mit hoher Geschlechterdiversität und/oder ethischer Diversität in der Führung haben eine signifikant größere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein. In der aktuellsten Erhebung aus dem Jahr 2023 hat sich dieser Zusammenhang nochmals verstärkt. Allerdings ist hier methodische Vorsicht angebracht: Es handelt sich in erster Linie um Korrelation statt um belegte Kausalität. Dennoch sind die Zahlen ein starkes Indiz.
Schau her
Darum ist das wichtig!
Mehrere Entwicklungen verstärken sich gegenseitig und machen es deshalb nötig, bekannte Recruiting-Strategien zu überdenken.
1. Verschärfung des Fachkräftemangels
Der Fachkräftemangel verschärfte sich in den Medien strukturell weiter, denn mit dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation entsteht eine wachsende Lücke in der deutschen Erwerbsbevölkerung. Unternehmen müssen daher ihren verfügbaren Talentpool über die bisherigen, oft homogenen Rekrutierungskanäle hinaus vergrößern.
2. Zusammenspiel gelebter Inklusion
Diversität allein wird nicht automatisch zum Erfolgsfaktor. Entscheidend ist das Zusammenspiel mit gelebter Inklusion. Perspektivenvielfalt bedeutet, dass andere Haltungen und Meinungen tatsächlich eine Rolle spielen dürfen. Das bedeutet für die Recruiting-Praxis, dass es nicht reicht, vielfältiger einzustellen, wenn die Strukturen danach nicht mitziehen. Neue Wege bei der Auswahl zu gehen ist der erste Schritt; die Strukturen so zu gestalten, dass neue Mitarbeitende auch bleiben und sich einbringen der zweite.
3. Qualität von Entscheidungen
Homogene Teams entscheiden schneller, riskieren aber blinde Flecken außerhalb der eigenen Erfahrungswelt. Wer Recruiting-Wege bewusst öffnet – etwa durch anonymisierte Verfahren, den Verzicht auf starre Kriterien oder bezahlte Einstiegsformate –, vergrößert nicht nur den Bewerberkreis. Es fließen vielfältige Perspektiven und Talente ein, die am Ende die Anpassungsfähigkeit des gesamten Unternehmens stärken.
4. Vertrauen als ökonomisches Kapital
Wenn neun von zehn Menschen sich in der Berichterstattung nicht wiederfinden, ist das ein Signal, das ernst genommen werden muss. Wer klassische Recruiting-Wege hinterfragt, wirkt auch einer verengten Berichterstattung, sinkendem Vertrauen sowie einem schrumpfenden Talentpool entgegen und gewinnt an Potenzial zur Erschließung neuer Zielgruppen hinsichtlich Leserschaft und Kund:innen.
Herausforderungen
Drei Probleme auf einen Blick!
Problem 1: Die Kanal-Lücke (Falsche Plattformen)
Neben Hürden, Bias und schwacher Auswahl gibt es ein weiteres Problem: Klassische Kanäle erreichen die Jugend nicht mehr. Nur 6 % der Gen Z und 10 % der Gen Y nutzen noch Stellenportale. Der Prozess verlagert sich komplett: Laut der Pilot Generationenstudie recherchiert über die Hälfte via Google; 60 % (Gen Z) bzw. 47 % (Gen Y) informieren sich direkt über digitale Kanäle über den Arbeitsalltag. Wer auf alte Kanäle setzt, bleibt für die neuen Generationen unsichtbar.
Problem 2: Die Format-Lücke (Veraltete Kommunikation)
Das Problem liegt nicht nur an den falschen Kanälen, sondern am Format: Junge Zielgruppen sind an kurze, visuelle und unterhaltsame Inhalte gewöhnt. Sie entscheiden in Sekunden, ob ein Beitrag ihre Aufmerksamkeit verdient. Lange Stellenausschreibungen in klassischer Textform – oft in nüchternem Behörden- oder Konzerndeutsch – erzeugen daher extrem hohe Absprungraten, weil sie schlicht am Nutzungsverhalten dieser Generation vorbeigehen.
Problem 3: Die Medienbruch-Lücke (Mangelnde Usability)
Dazu passt auch ein technisches Problem: Wenn der Bewerbungsprozess keine One-Click-Bewerbung vom Smartphone aus erlaubt oder das Gespräch nicht unkompliziert per Video stattfinden kann, hinterlässt bereits der erste Kontakt einen schlechten Eindruck bei einer Generation, die mit genau dieser digitalen Selbstverständlichkeit aufgewachsen ist.
Was nun?
Drei Lösungsansätze!
Der ganzheitliche Kanal-Mix (Sichtbarkeit)
Wer ungewöhnliche Menschen finden will, muss ungewöhnliche Wege gehen. Klar: Plattformen wie TikTok, Instagram und kurze Video-Formate sorgen für Aufmerksamkeit bei jüngeren Zielgruppen. Eine gepflegte Karriereseite, Sichtbarkeit bei Google und Arbeitgeberbewertungsportale wie Kununu ist wichtig, weil sie von Bewerbenden aktiv zur Recherche genutzt werden. Die verschiedenen Ebenen müssen zusammenspielen, statt isoliert nebeneinander zu existieren. Doch das alles ist heute erwartbar. Wie kann man da noch einen Schritt weiter gehen?
Die aktive Talent-Ansprache (Gezieltes Scouting)
Wenn ein Unternehmen sich darüber klar ist, welche Fähigkeiten es bei Mitarbeitenden braucht, kann es anders auf die Suche gehen und passende Menschen gezielt ansprechen, etwa wenn sie mit genau diesen Fähigkeiten in anderen Kontexten auffallen. Und zwar in wirklich anderen Kontexten: bei Veranstaltungen, in Social Media, auf der Straße. Das ist zwar nicht skalierbar, aber für besondere Aufgaben lohnt es sich durchaus, die Augen offen zu halten.
Der barrierefreie Bewerbungsprozess (Usability)
Eine andere Stellschraube ist der eigentliche Bewerbungsprozess, der Hürden abbauen kann. Eine mobil-optimierte, möglichst niedrigschwellige Bewerbung sollte inzwischen Standard sein. Im Idealfall funktioniert die Bewerbung per One-Click oder über kurze Videoclips statt langer Anschreiben. Auch Gespräche per Video statt zwingend vor Ort senken die Hürde, gerade für Bewerbende, die sich aus finanziellen oder zeitlichen Gründen keine lange Anreise leisten können.
Nur ein ganzheitlicher Prozess funktioniert
Die einzelnen Maßnahmen entfalten nur im Zusammenspiel ihre Wirkung. Der beste TikTok-Auftritt nützt wenig, wenn die anschließende Bewerbung über ein umständliches, klassisches Formular läuft, und ein moderner Bewerbungsprozess nützt wenig, wenn ihn die Zielgruppe mangels passender Kanäle gar nicht erst findet. Wer Kanalwahl, Format, Prozess und inhaltliche Konsistenz miteinander verknüpft, kann die Lücke zwischen klassischem Recruiting und der Lebensrealität jüngerer Generationen am wirksamsten schließen.
Best Practices
Unsere Praxisbeispiele
Wie ein Quereinsteiger-Programm die Filmbranche diverser macht
GetOnSet Hamburg
Schwierigkeitsgrad: Leicht
Kontext: Programm der Hamburg Media School, um dem Fachkräftemangel in der Filmbranche mit einem gezielten Quereinsteiger-Ansatz zu begegnen
Talente statt Zielgruppen: Wie ein Jugendmedienprojekt Nachwuchs jenseits klassischer Bewerbungswege findet
Correctiv
Schwierigkeitsgrad: schwer
Kontext: Correctiv betreibt an mehreren Standorten die Jugendredaktion Salon5, die insgesamt rund 170 Jugendliche umfasst
GetOnSet Hamburg: Quereinsteiger-Programm für mehr Diversität
Die Filmbranche kämpft seit Jahren mit einem Fachkräftemangel, allerdings in wechselnder Intensität. In den zurückliegenden Jahren wirtschaftlicher Rezession wurde weniger produziert, wodurch der Personalbedarf zeitweise in den Hintergrund trat. Aktuell zieht die Produktionstätigkeit jedoch wieder an, sodass die Suche nach qualifizierten Kräften erneut an Bedeutung gewinnt.
Herausforderung
Unbekannte Berufe am Set
Gesucht werden nicht die glamourösen Rollen vor der Kamera, sondern Fachkräfte für Bereiche wie Herstellungsleitung, Aufnahmeleitung oder Set-Running, also Berufe, die vielen Berufseinsteigenden gar nicht bekannt sind und die nicht so leicht durch KI ersetzt werden können. Gerade in kleineren Produktionsfirmen fehlen aber oft moderne Personalführungsinstrumente und strukturierte HR-Prozesse.
GetOnSet Hamburg, ein Programm der Hamburg Media School, wurde ins Leben gerufen, um dem Fachkräftemangel in der Filmbranche mit einem gezielten Quereinstiegs-Ansatz zu begegnen. Im Zentrum steht dabei nicht die klassische Bewerbungsbiografie, sondern die Motivation und Eignung der Bewerbenden. Ein weiteres Ziel, das das Programm von Beginn an verfolgt: mehr Chancengleichheit im Auswahlverfahren – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Bildungsweg. Dass die Fördergeber, insbesondere die MOIN Filmförderung Hamburg, auch in wirtschaftlich schwierigeren Phasen antizyklisch an dem Programm festgehalten haben, unterstreicht den Anspruch, das Programm nicht nur als kurzfristige Reaktion auf Personalengpässe zu verstehen, sondern als strukturelle Investition in eine zukunftsfähige Branche.
Umsetzung
Kern des Programms ist ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren, das seit der zweiten Durchführungsrunde zum Einsatz kommt. Abgefragt werden ausschließlich Motivationsfragen.
Im Mittelpunkt unseres Bewerbungsverfahrens steht nicht der Lebenslauf, sondern die Motivation. Uns interessiert, warum jemand in die Filmbranche möchte, welche Gewerke begeistern, welche Erfahrungen und Perspektiven die Person mitbringt und was sie als Teammitglied auszeichnet. So geben wir Potenzial den Vorrang vor formalen Voraussetzungen.
Sara Mitrovic Program Manager Executive Education, Hamburg Media School
Angaben zu Geschlecht, Herkunft oder Ausbildungsstätten sowie Fotos werden nicht erhoben beziehungsweise nicht an die auswählenden Unternehmen weitergegeben. Diese Anonymisierung wurde eingeführt, nachdem sich im ersten, noch nicht anonymen Durchgang gezeigt hatte, dass Unternehmen unbewusst nach Kriterien wie Sprachniveau oder Bildungsherkunft selektierten. Der Effekt zeigt sich in den Zahlen: Lag der Anteil an Teilnehmenden ohne deutsche Staatsangehörigkeit im ersten, noch nicht anonymen Durchgang bei 13 Prozent, stieg er im zweiten Durchgang auf 25 Prozent.
Doch es geht nicht um Diversität nur um der Diversität Willen. Der große Vorteil für Unternehmen ist, dass sie sich nicht von ihren eigenen Vorurteilen leiten lassen, sondern ganz genau schauen können, ob die Haltung und Motivation der Bewerber:innen zu ihrer Stelle und zum eigenen Unternehmen passen. Sie geben so Talenten eine Chance, die sie sonst im Bewerbungsprozess vielleicht aussortiert hätten.
Über den reinen Bewerbungsprozess hinaus begleitet die Hamburg Media School sowohl die Trainees als auch die teilnehmenden Unternehmen durchgehend.
Wir achten darauf, dass die Teilnehmenden umfassende Einblicke und relevantes theoretisches Wissen für die Arbeit in der Filmbranche erhalten. Zugleich halten wir einen engen Draht zu unseren Partnerunternehmen und stellen sicher, dass die Trainees auch praktische Erfahrungen sammeln und in reale Projekte eingebunden werden.
Tim Baharlou Program Manager GetOnSet, Hamburg Media School
Das Prinzip des anonymisierten, motivationsbasierten Bewerbungsverfahrens lässt sich auf praktisch jede Branche übertragen: Statt Lebensläufe nach Ausbildung, Alter oder Herkunft zu filtern, rückt die Frage in den Mittelpunkt, warum jemand eine bestimmte Position anstrebt und wofür die Person geeignet ist.
Gerade in kreativen Feldern sind die Motivation und die Soft Skills einer Person häufig entscheidender als die Ausbildung oder ein abgeschlossenes Studium - geschweige denn Alter, Geschlecht oder Herkunft.
Tim Baharlou Program Manager GetOnSet, Hamburg Media School
Besonders gut lässt sich der Quereinstiegs-Ansatz auf Branchen übertragen, die vielfältige Tätigkeitsfelder ohne standardisierte Ausbildungswege bieten und in denen Soft Skills stärker zählen als formale Zertifikate. Also für weite Teile der Kreativ- und Medienbranche. Gerade für kleinere Unternehmen, die über eigene Kanäle kaum Sichtbarkeit bei potenziellen Nachwuchskräften erzielen, bietet die Einbindung in ein Netzwerk zusätzlich einen Schaufenstereffekt, der die Reichweite der eigenen Stellenanzeigen deutlich erhöht.
Correctiv: Talente statt Zielgruppen
Wie ein Jugendmedienprojekt Nachwuchs jenseits klassischer Bewerbungswege findet
Klassische Diversitätspolitik in Redaktionen orientiert sich häufig an Gruppenmerkmalen statt an individuellen Fähigkeiten. Das Problem dabei: Wer Menschen anhand von Gruppenzugehörigkeit auswählt und in die bestehenden Strukturen einpasst, erreicht keine neuen Zielgruppen, sondern steht in der Gefahr die Personen lediglich in die bestehende Redaktionskultur zu assimilieren, statt ihr eigenes Potenzial zu entwickeln.
Hinzu kommt eine tief verwurzelte Abgrenzungsmentalität im Journalismus: Etablierte Redakteurinnen und Redakteure grenzen sich gerne als „Profis" von vermeintlichen „Amateuren" ab, weil der Beruf nicht geschützt ist und Status sich entsprechend über informelle Zugehörigkeit definiert. Das reproduziert Strukturen, anstatt sich zu öffnen. Neue Leute werden lieber so lange geformt, bis sie so sind wie die „Profis“, anstatt neue Herangehensweisen zu akzeptieren: In der Konsequenz werden die Sichtweisen, die man sich eigentlich wünscht, ausgetrieben.
Viel zu oft wird geschaut, welche Gruppen vertreten sind. Da geht es weniger um die Talente, sondern um die Pigmente. Das ist total dämlich.
David Schraven Gründer, Correctiv
Das Ziel
Das passende Talent versteckt sich nicht unbedingt hinter einem perfekten Lebenslauf. Correctiv verfolgt einen konsequent individuumszentrierten Ansatz und gewinnt neue Talente unter anderem über eine breit aufgestellte Jugendredaktion. Ziel ist es, jungen Menschen unabhängig von Herkunft, Bildungsweg oder Vorerfahrung überhaupt erst die Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen und ihre eigenen Interessen und Gedanken zu entdecken, statt zu versuchen, vermeintlichen Erwartungen zu entsprechen.
Das Wichtigste ist, dass die Talente überhaupt eine Chance bekommen, mitzumachen.
David Schraven Gründer, Correctiv
Sie bringen neue Geschichten und Zugänge mit, und zwar, ohne an elitebildenden Hürden hängen zu bleiben. Davon profitieren auch die verschiedenen Correctiv-Redaktionen, die gleichberechtigt neben der Jugendredaktion arbeiten.
Correctiv betreibt an mehreren Standorten, in Bottrop, Dortmund, Greifswald, Chemnitz und Hamburg die Jugendredaktion Salon5, in der rund 170 Jugendliche tätig sind. Unterstützt werden sie von eigens eingestellten Journalisten und Journalistinnen, Sozialarbeitenden und Pädagoginnen und Pädagogen. Der Einstieg erfolgt bewusst niedrigschwellig über das gesprochene Wort: Ein Radio bildet die zentrale Plattform, ergänzt durch jährlich mehrere hundert Workshops und Veranstaltungen sowie gemeinsame mehrtägige Medienreisen, etwa an die Ostsee.
Sprechen kann jeder. Damit gibt man den Leuten eine Chance. Die erste elitenbildende Hürde ist ja: Schreib deine Bewerbung. Das lassen wir einfach weg. Komm einfach vorbei und wir gucken mal.
David Schraven Gründer, Correctiv
Es gibt bewusst keine formale Bewerbung und keine Checkliste an Voraussetzungen – Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren können einfach vorbeikommen, sich ausprobieren. Sie bekommen mehrere Monate Zeit, „sich freizusprechen“, wie David Schraven es nennt: Sie reden über Themen, von denen sie glauben, dass sie interessant sind, bis ihnen diese zu langweilig werden und sie anfangen über ihre eigenen Gedanken und Interessen zu sprechen, die sie im Herzen selber interessieren.
Wer aus der Jugendredaktion herauswächst, kann in eine der anderen Correctiv-Fachredaktionen wechseln (Recherche, Faktencheck und Bewegtbild) oder auch etwas komplett anderes machen. Die gewonnen Erfahrungen sind breit einsetzbar. Correctiv erwartet nicht, dass die Jugendlichen auf jeden Fall zum eigenen Nachwuchs werden. Manchmal ergibt sich das. Manchmal auch nicht. Dabei sind große Aufstiege möglich. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Jugendredaktion ist inzwischen Chefredakteur im Bewegtbildbereich. Eine Volontärin aus Salon5 ist Chefredakteurin von Salon5 geworden und Mitglied des Correctiv Strategiekreises.
Voraussetzung
Zentral für den Erfolg des Projekts ist die Fähigkeit, jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Deshalb sucht David Schraven für die Jugendredaktion vor allem Redakteurinnen und Redakteure, die menschlich das Zeug dazu haben.
Wenn jemand mal in der Jugendarbeit eine Jugendgruppe geleitet hat oder Trainer einer Fussballmannschaft war, ist das hervorragend. Man muss kein ausgezeichneter Journalist sein, um eine Jugendredaktion zu leiten, aber schon unfallfrei journalistisch arbeiten können.
David Schraven Gründer, Correctiv
Der zentrale Transfergedanke: Der Blick muss sich von der Gruppe auf das Individuum verschieben. Statt Diversitätsziele über Quoten oder Zielgruppenmerkmale zu definieren, sollten Organisationen Räume schaffen, in denen sich Menschen unabhängig von Herkunft oder Bildungsweg beweisen können – etwa durch niedrigschwellige, bewerbungsfreie Einstiegsformate statt klassischer schriftlicher Bewerbungen. Entscheidend ist dabei auch die interne Haltung: Ein Diversitätspapier allein bewirkt wenig, wenn die Organisationskultur weiterhin auf Assimilation statt auf echte Einbindung neuer Perspektiven setzt. Wer neue Zielgruppen nicht nur symbolisch, sondern strukturell einbinden will, muss ihnen echte Verantwortung und Durchlässigkeit in alle Bereiche der Organisation ermöglichen – nicht nur ein abgegrenztes Nachwuchsformat ohne Verbindung zur eigentlichen Entscheidungsebene.
Überarbeitung der Stellenausschreibungen
Der niedrigschwelligste Einstieg liegt in der Überarbeitung der eigenen Stellenausschreibungen. Statt lange Anforderungslisten mit formalen Qualifikationen aufzustellen, lohnt sich der Perspektivwechsel hin zu der Frage, warum jemand diese Position anstreben sollte und welche konkreten Fähigkeiten dafür tatsächlich notwendig sind. Diese Umformulierung kostet kein zusätzliches Budget und lässt sich innerhalb weniger Tage umsetzen.
Technische Zugänglichkeit
Eine mobiloptimierte, möglichst kurze Bewerbungsstrecke, im Idealfall mit der Option auf ein kurzes Video statt eines klassischen Anschreibens, senkt die Einstiegshürde spürbar, gerade für jüngere Zielgruppen, die Stellenportale ohnehin kaum noch nutzen. Auch Erstgespräche per Video statt zwingend vor Ort lassen sich in der Regel ohne größeren organisatorischen Aufwand einführen.
Anonymisiertes Bewerbungsverfahren
Bereits ein einzelner, klar abgegrenzter Pilotdurchgang mit anonymisierten Bewerbungsunterlagen liefert wertvolle Erkenntnisse, ohne den gesamten Recruiting-Prozess umzustellen. Es reicht, für eine einzelne Position oder ein einzelnes Team testweise auf Namen, Foto und Ausbildungsangaben zu verzichten und stattdessen gezielt Motivationsfragen zu stellen. Die Erkenntnisse daraus lassen sich dann im nächsten Schritt weiterverarbeiten.
Onboarding von Anfang an mitdenken
Parallel zur Auswahl sollte auch die Einarbeitung schon mitgedacht werden. Wer neue, unkonventionelle Wege in der Rekrutierung geht, aber die Onboarding-Strukturen unverändert lässt, riskiert, das gewonnene Potenzial ungenutzt zu lassen. Schon ein einfaches Mentoring-Angebot oder feste Ansprechpersonen für die ersten Wochen erhöhen die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass neue Mitarbeitende tatsächlich bleiben und sich einbringen können.
Die Zukunft gehört dem Mut zu neuen Recruiting-Wegen
Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Wer am klassischen Blick auf den Lebenslauf festhält, rekrutiert am eigenen Potenzial vorbei. Beispiele wie GetonSet Hamburg und Salon5 von Correctiv beweisen eindrucksvoll, dass der Schlüssel zu echter Innovation und langfristiger Zukunftsfähigkeit nicht in starren Qualifikationsprofilen liegt, sondern in Motivation, Potenzial und echter Perspektivenvielfalt.
Das Hinterfragen gewohnter Recruiting-Muster ist längst kein Experiment mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit. Wenn wir Fachkräftemangel, die Erwartungen jüngerer Generationen und den Verlust von Vertrauen wirksam bekämpfen wollen, müssen wir den Mut haben, Einstiegshürden abzubauen, auf neue Kanäle zu setzen und das Individuum über das Zeugnis zu stellen.
Wer jetzt den ersten Schritt wagt – sei es durch ein anonymisiertes Pilotverfahren, mobiloptimierte Bewerbungen oder den Fokus auf Soft Skills –, vergrößert nicht nur den eigenen Talentpool. Er schafft ein Umfeld, in dem vielfältige Ideen entstehen, bessere Entscheidungen getroffen werden und das gesamte Unternehmen an Anpassungsfähigkeit gewinnt.
Unsere Autorin
Lerne Franziska Mozart kennen!
Franziska Mozart
Autorin, freie Journalistin