Video-Zusammenfassung
„Gaussian Splatting: neue Technologie, neue Jobs, neue Chancen“ – Ein Blick in die Zukunft des Films beim DOK.fest
Draußen strahlte der Sonnenschein, aber das eigentliche Highlight spielte sich im dunklen Keller der HFF München ab: Ein vollbesetztes Panel voller neugieriger Medienschaffender, die wissen wollten, wie die neue Technologie Gaussian Splatting (3DGS) die Film- und Medienwelt revolutioniert. Moderiert von Insa Wiese (Start into Media), brachte die Runde hochkarätige Experten zusammen, die eines schnell klarbachten: Wir stehen hier am Anfang des „Wilden Westens“ einer völlig neuen Ära der Virtualisierung.
Was ist Gaussian Splatting überhaupt?
Clemens Dadson (Design for Real / XR Bavaria) räumte direkt mit einem Missverständnis auf: Nein, es ist kein einfaches 360°-Foto. Stattdessen werden aus realen Bildern volumetrische, frei begehbare 3D-Räume generiert. Vergiss klassische Gitternetze (Meshes) – Gaussian Splatting nutzt Millionen kleiner, flacher, am Rand weich auslaufender Punkte („Splats“). Das Ergebnis? Gänsehaut-Fotorealismus! Selbst komplexe Reflexionen in Fenstern, die Transparenz einer Glasflasche oder feine Baugerüste, an denen die klassische Fotogrammetrie scheitert, werden perfekt abgebildet. Und das Beste: Es läuft flüssig auf einem normalen Laptop oder Smartphone.
Der Sprung in die Praxis: Ein echter Soko-Stuttgart-Tatort
Wie rasant die Technologie die Filmbranche erobert, zeigte Timothy Grey vom Fraunhofer IIS. Er brachte einen brandneuen Case direkt aus einer echten Produktion mit: Für eine Folge von Soko Stuttgart (Ausstrahlung voraussichtlich Oktober) rekonstruierte das Team eine Tiefgarage als digitalen Zwilling, in dem die Ermittler im Drehbuch per VR-Brille auf Spurensuche gehen. Ein echter Reality-Check für das Filmteam vor Ort: Um den perfekten Scan ohne teure Scanner nur mit einer DSLR-Kamera zu erzeugen, mussten über 1.000 Fotos geschossen werden. Das bedeutete: Licht anpassen, das Set blockieren und vier Stunden extra einplanen – eine logistische Herausforderung für eine eigentlich hocheffiziente TV-Produktionsmaschine, die aber zeigt: Die Hauptarbeit verlagert sich massiv in die Preproduction.
Neue Chancen für Dokumentarfilm und Location Scouting
Auch Oliver Pusch von der Filmcommission Bayern sieht in der Technologie eine enorme Bereicherung und kein Job-Risiko:
„Es wird den Location Manager nicht ersetzen. Es ist ein Add-on, eine Bereicherung.“ Besonders für den Dokumentarfilmbereich, der oft mit minimalen Budgets kämpft, ist 3DGS ein Gamechanger. Historische Orte oder sensible, stark besuchte Locations, die für ein 60-köpfiges Filmteam niemals die Türen öffnen würden (oder nur für teure Sonntagsdrehs zur Verfügung stehen), können nun von einer einzelnen Person in kürzester Zeit digital erfasst werden. Simon vom Kreativcenter der HFF warf dazu eine visionäre Idee in den Raum: Warum nicht die Ruine von Fukushima per Roboter scannen, um Zeitzeugen später vor einer LED-Wand exakt an ihrem alten Arbeitsplatz berichten zu lassen?
Gaussian Splatting klingt nach komplexer Mathematik, ist für uns in der Medienaus- und -weiterbildung ein echter Gamechanger für das visuelle Erzählen.
Was bedeutet das für unsere Teams? Stell dir vor, du filmst eine Location nicht nur, sondern du „frierst“ sie als fotorealistische, begehbare 3D-Welt ein. Durch tausende kleine Farbpunkte (die „Gaussians“) entstehen digitale Zwillinge, in denen wir uns später mit der virtuellen Kamera völlig frei bewegen können. Die starre Perspektive ist Geschichte – und das eröffnet völlig neue Wege für unsere Nachwuchstalente.
Der direkte Nutzwert für Medienhäuser:
Effizienz im Workflow: Zeit- und Kostenersparnis bei Locationscouting und Drehtagen. Einmal gescannt, ist das Set für das gesamte Team digital verfügbar.
Wetterunabhängigkeit: Der perfekte Sonnenuntergang am Set? Per digitalem Zwilling jederzeit verfügbar.
Archiv der Zukunft: Unbegehbare oder gefährdete Orte bleiben als immersive Erzählräume für immer greifbar.
Innovationsvorsprung: Wer diese Technik versteht, gestaltet die nächste Generation von Dokumentationen und immersiven Reportagen aktiv mit.
Kritisch hinterfragt
Wo stehen wir?
Natürlich haben wir auch über die Hürden gesprochen. Noch braucht es für High-End-Ergebnisse hohe Rechenleistung und das entsprechende Budget. Doch die Entwicklung ist rasant. Für uns als Ausbilder:innen bedeutet das: Wir müssen jetzt verstehen, wie wir diese Technologie didaktisch sinnvoll einbinden, um die Wettbewerbsfähigkeit des Medienstandorts Bayern zu sichern.
Clarence Dadson
CEO/Creative Director, Design4real
Timothy Gray
wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen
Oliver Pusch
Production Support & Project Management, Film Commission Bayern
Insa Wiese
Senior Partner- und Projektmanagerin